Der Scheitel sitzt, der Pelz auch: Michael Maertens, Caroline Peters, Maria Happel. - © Reinhard Werner.Burgtheater.
Der Scheitel sitzt, der Pelz auch: Michael Maertens, Caroline Peters, Maria Happel. - © Reinhard Werner.Burgtheater.

Wenn es auf der Bühne schelmisch funkelt, als wäre man auf der von Fiona Swarovski designten Yacht gelandet, kann es nur eins bedeuten: Hier residiert die bessere Gesellschaft. Die war schon zu Oscar Wildes Zeiten ein fruchtbares Biotop für Gesellschaftskritik, die er mit seinen Konversationsstücken exemplarisch elegant unters Volk brachte. Wie schillernd die Konversationen dieser Gesellschaft heute sind, kann man in entsprechenden TV-Vorabend-Magazinen hören. Elfriede Jelinek hat mit ihrer deutschen Fassung von Oscar Wildes "Der ideale Mann", die jetzt im Akademietheater zu sehen ist, eine solche Wilde’sche Gesellschaft ins Heute geholt. Man muss sagen: Die feine Klinge ist da doch etwas abgestumpft.

"Der ideale Mann" handelt von einem aufstrebenden Londoner Politiker, dessen Karriere und Ehe gefährdet wird, weil ein klitzekleiner Korruptionsfehltritt in seiner Politjugend aufzukommen droht. Michael Maertens spielt diesen Lord Robert Chiltern, er näselt, natürlich großartig, durch ein hervorragend gespitztes Mündchen und muss doch mitunter aufpassen, dass ihm sein Karl-Heinz-Grasser-Mittelscheitel nicht die Show stiehlt. Das ist übrigens nicht die einzige Anspielung in Richtung Kristall-Nulldefizit-Power-Glamour-Couple.

Manisch Nüsschen naschen


Im Schein der geschliffenen Glassteinchen sieht man aber naturgemäß "fahl leuchtende Aktien" auch nicht so gut. Mit solchen soll Chiltern Insidergeschäfte gemacht haben, mit diesem Wissen erpresst ihn nun Mrs. Cheveley (Caroline Peters, lapidar drängend und begleitet von allerlei eingefärbten Pelztieren). Er soll für ihr Schweigen vor dem Parlament den Bau eines "Hyper-Alpen-Kanals" befürworten. Wie man daran schon merkt, sind im Gespräch der beiden die Eingriffe Jelineks am stärksten: Hier kann Chiltern einen rechtschaffen ermüdenden Monolog über die Sinnlosigkeit aller Finanzwege führen: "Das können sie sich sparen. Oder auf ein Sparbuch legen. Kommt auf dasselbe hinaus."

Das Ende seiner Karriere fürchtet Chiltern freilich weniger als seine Abwertung in den Augen seiner Frau. Denn die (Katharina Lorenz, kindlich-ironisch und mit ganz vielen bunten Awareness-Schleifen am Revers) will den "idealen Mann", und so einer hat nun einmal eine weiße Weste. Eine superweiße. Die darf höchstens beschmutzt werden von den Nüsschen und Käsespießen, die das ganze Ensemble hier manisch einwirft, wenn es eng wird. Also entschließt sich Chiltern, sich nicht erpressen zu lassen und das "Kännchen mit dem Schmieröl" stehen zu lassen.

Das geht deswegen gut aus, weil sein Freund Lord Goring der Cheveley ihrerseits eine Verfehlung nachweisen kann. Matthias Matschke gibt diesen "talentiertesten Müßiggänger" mit irrlichternden Sitcom-Slapstick-Einlagen und schreit manchmal, als wäre er in der asiatischen Spielshow "Takeshi’s Castle". Zur Belohnung darf er sich mit Chilterns Schwester Mabel verloben. Maria Happel spielt sie schrill, dreckig lachend und ist allein aus Kostümfragen komödiantisch im Vorteil.

Das meiste aus der dominanten Feststiege des Bühnenbilds macht Peter Matic als zwei verschiedene Butler. Johann Adam Oest als Lord Gorings Vater trägt den Schottenrock mit Stolz und lässt den durchaus aufflackernden Klamauk an sich abprallen. Wie auch Kirsten Dene als Lady Markby, die perfekte Giftspritzengesellschaft zum Fünf-Uhr-Tee.

Regisseurin Barbara Frey hat der Versuchung widerstanden, mit dem Stück eine aufgelegte Korruptionsskandal-Kritik zu inszenieren. Mit ihren Kürzungen hat sie Jelinek Platz gegeben, ohne Wilde aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet allerdings auch, dass dem letzten Akt trotz aller Verfremdungsversuche, etwa wenn Lady Chiltern ihre Einsicht in die Vernunftbenachteiligung aller Frauen gekonnt ironisiert, etwas die Luft ausgeht. Da nämlich wird relativ unschnittig die ganze Verwirrung gelöst - und die Heuchelei kann von vorn beginnen. Westen kann man waschen, Gedächtnisse sind löchrig. Solange für jeden genug Nüsschen abfallen, ist alles halb so schlimm.