Druckvolles Doppel: Barbara Haveman und Neil Shicoff im "Maskenball". - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Druckvolles Doppel: Barbara Haveman und Neil Shicoff im "Maskenball". - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Touristen im Publikum der ehrwürdigen Staatsoper? Was Ioan Holender stets unter den Teppich kehrte, gibt der Nachfolge-Direktor unumwunden zu. Womit Dominique Meyer auch eigentlich niemanden irritieren kann. Denn erstens ist das Sprachgewirr im Haus unüberhörbar, zweitens keine Schande: Es könnte sogar als Optimum gelten, dass die Staatsoper nicht nur Connaisseure lockt, sondern auch Denkmal-Abklapperer aus aller Welt. Woran sich hoffentlich auch nichts ändert, wenn die Bundestheater erst einmal gewisse "Optimierungs"-Maßnahmen umgesetzt haben - jene Geldgewinnungs-Reform also, die auf Regierungsgeheiß wohl auch zu teureren Tickets führen wird.

Derzeit findet jedenfalls, wie üblich, auch gut abgehangenes Repertoire reißenden Absatz. Wobei der Touristenanteil am Donnerstag wohl nicht der geringste war, etablierte sich doch während Verdis "Un ballo in maschera" der eher unübliche Grundsatz, dass jede stille Sekunde mit Applaus zu füllen ist - egal, ob nach einer Schlüsselarie oder irgendeinem Ensemble. Ob Dirigent Philippe Auguin darob befürchtete, erst um Mitternacht beim Maskenball samt Königsmord anzukommen? Oder wurde es ihm schlicht zu bunt? Nach der "Saper vorreste"-Kanzone jedenfalls - schon rinnt da der Beifall wieder von hinten zusammen, will nach vorne wogen - gelingt ihm durch Weiterdirigieren ein effektvoller Applaus-Blocker.

Töne wie Brandgeschosse


Doch wie auch immer man über dieses Geklatsche spötteln mag, war’s doch auch heilsame Medizin. Vor allem für Neil Shicoff als König Gustaf. Der 62-Jährige, laut Ansage mit einer "Sinus-Infektion" (Nasen-Nebenhöhlen-Entzündung) geschlagen, singt nämlich ab der ersten Applaus-Intervention in einer fitteren Liga. Vor allem seine Spitzentöne katapultiert er nun wie Brandgeschosse heraus - als wären lediglich die Register darunter angeschlagen. Zum druckvollen Doppel vereint er sich dabei mit Barbara Haveman (Amelia), einer Art vokalem Hochstrahlbrunnen vor allem im zweiten Akt. Dass die Einspringerin durchaus über lyrische Nuancen gebietet, lehrt schlussendlich ihre große Arie im dritten Akt.

Eingesprungen war auch der versierte Leo Nucci: Mit massereichem Klang, vor allem dem trutzigen Schluss in der "Eri tu che macchiavi"-Arie treibt er den Saal in eine Verzückung, die auch zuletzt obwaltet. Nicht ganz zu Unrecht: Im Zusammenspiel mit einer schwarztönenden Wahrsagerin (Zoryana Kushpler), einem quirligen Oscar (Julia Novikova) und einer eher zünftigen Italianità des Orchesters war’s jedenfalls ein energisch-beherzter Abend.

Oper
Un ballo in maschera
Wiener Staatsoper (01/5131513)
Wh.: 16. und 20. Jänner