Das Inferno als Gulag: "Francesca da Rimini" im Theater an der Wien. - © photo©A.Bardel mail@arminbardel.at www.arminbardel.at
Das Inferno als Gulag: "Francesca da Rimini" im Theater an der Wien. - © photo©A.Bardel mail@arminbardel.at www.arminbardel.at

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt, und noch dazu knallhart. Gerade erst ist Iolanta von ihrer lebenslangen Blindheit genesen - da droht der Königstochter auch schon ein Gehörsturz: Ein Rotarmist torpediert das Opern-Happyend mit einem Warnschuss. Freilich kein Einfall von Piotr I. Tschaikowski und dessen Librettisten-Bruder Modest: Bei der Premiere im Theater an der Wien hat sich soeben Regisseur Stephen Lawless lautstark gemeldet.

Fein erdacht, grob gemacht


Im Nachhinein bezeichnend für seine durchwachsene Regie: Vieles hat er fein erdacht, vieles aber grob gemacht. Die Rotarmisten? Ein Verweis auf Lawless’ zweiten Streich an diesem Doppelabend, Rachmaninows Einakter "Francesca da Rimini". Librettogemäß spielt der teils in der Hölle, hier aber gleich zur Gänze - was Sinn hat, weil die Titelheldin und ihr Geliebter bereits vor dem Höllensturz Opfer infernalischer Überwachung sind. Dass dafür aber just Kommunisten verantwortlich zeichnen, dass diese dann auch die Höllenbevölkerung in Schach halten, ist leider schon eine Kalaschnikow-grobe Reaktion auf die Themenvorgabe "russischer Doppelabend".

Umso gröber, als die dramaturgischen Fäden der "Iolanta" fein gesponnen sind: Wirklich blind ist die Dame schon im Libretto nicht, vielmehr Opfer väterlicher Überfürsorge. Lawless hat’s bedacht, bettet die Prinzessin in einen blütenweißen Kokon, in dem ihr ein Bediensteten-Tross Unversehrtheit vorgaukelt. Selbst die Behinderung ist Manipulation: Ein dünner Schleier netzt die royalen Augen.

Effektvolle Momente, wenn auch im Dienste draller Drastik, hat der Abend später schon noch: Da wogt der Chor heftig, erweist sich Francescas eifersüchtiger Mann und Mörder ebenso als Opfer einer Verkrüppelung. Seltsam, jedoch eher sinnlos wirkt zugleich Iolantas Kokon: Wie eine im Gulag gestrandete Kosmonauten-Station steht er nun da. Wie gesagt: ein durchwachsener Abend.

Großteils gewinnend dafür die Sängerschaft: Dmitry Belosselsky (König René, Lanceotto) besitzt die vokale Durchschlagskraft eines Panzerbrechers, auch wenn er im Filigranen wackelt; daneben fesselt Elchin Azizov als Augenarzt der eindringlichen Töne, und die gehaltvoll dunklen Klänge von Svetlana Shilova (Martha) sind nicht nur für Iolanta eine Freude.

Den Sturm und Drang beider Titelheldinnen befeuert Olga Mykytenko mit ihrem charakteristischen Sopran: einer prägnanten, zugleich leicht verhangenen Stimme - als würde da eine intensive, bisweilen grelle Flamme unter einem milchigen Schutzglas züngeln. Dass beide männliche Titelrollen, jedenfalls unter Dirigent Vassily Sinaisky, vor allem nach druckvollen Tönen schreien, gereicht Saimir Pirgu nicht unbedingt zum Vorteil: Da kann er sein schmeichelweiches Kapital kaum ausspielen, gerät mitunter an Belastungsgrenzen. Schauspielerisch agiert das "Francesca"-Liebespaar seine Leidenschaft dafür ungehindert mit vollem Körpereinsatz aus.

Wie sehr da die Inbrunst lodert, indiziert auch Sinaiskys Dirigat. Fraglich nur, ob der Musikchef des Bolschoi-Theaters an der Spitze des RSO Wien nicht teils zu sehr dem Theaterdonner frönte, ob manches Streichersirren, manche Violingirlande nicht sinnstiftend hätte hervorgezwirbelt werden können. Tschaikowskis "Iolanta"-Partitur, elegant und zart wie aus Zuckerfäden gesponnen, war (abgesehen von Mini-Wacklern) dagegen gewiss ein Gewinn. Ungeteilter Beifall (abgesehen von einem Buhruf in Richtung Regie) aber zuletzt auch für Rachmaninow.