Fräulein und Strizzi: Marianne (Alma Hasun) und Alfred (Florian Teichtmeister).
Fräulein und Strizzi: Marianne (Alma Hasun) und Alfred (Florian Teichtmeister).

Für Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" ist Wien derzeit kein besonders guter Boden. Nach Stefan Bachmanns problematischer Akademietheater-Inszenierung im April 2010 holte nun Herbert Föttinger an der Josefstadt zum ambitionierten Gegenschlag aus. Doch auch seine Interpretation ist reichlich problematisch.

Verfrachtete Bachmann Horváths Figuren in ein Möbeldepot, so bewegen sie sich auf der Josefstädter Drehbühne (Ausstattung: Rolf Langenfass) zwischen kahlen, in den Bühnenboden hineinragenden Baumstämmen. Am Bühnenportal weiß aufleuchtende Schriftbänder annoncieren dem Publikum, wo Horváth die Szenen angesiedelt hat: "Draußen in der Wachau", in der "Stillen Straße im achten Bezirk" und so weiter. Die verlogene Wiener Gemütlichkeit illustriert ein "Josefstädter Männerchor" musikalisch unter anderem mit "Mei Muatterl war a Weanerin" und "Wien, Wien, nur du allein.. ."

Wirklich befremdlich in der expressiven Aufführung ist die Vernachlässigung der von Horváth geforderten "Stille", wenn die Figuren mit ihrem Bildungsjargon nicht ausdrücken können, was sie eigentlich sagen möchten. Obwohl Föttinger ein Spitzenensemble aufgeboten hat, tun sich die meisten mit der Horváthschen Kunstsprache schwer. Man hört verwienerte Nestroy-Töne, daneben dialektfreies Bühnendeutsch. In der Darstellung liegt ein starker Akzent auf drastisch ausgespielter, immer wieder lautes Gelächter provozierender Komik.

Gebrochene Flügel


Die blutjunge Marianne ist vielleicht die berührendste unter Horváths "Fräulein"-Figuren, die ihren Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Enge mit "gebrochenen Flügeln" bezahlen. Alma Hasun, neu im Josefstädter Ensemble, entspricht ihr im Äußeren und im Auftreten voll und ganz, ist aber mit der Rolle deutlich überfordert. Florian Teichtmeister als Alfred setzt je nach Bedarf seinen Strizzi-Charme oder eiskalte Brutalität gekonnt ein, so dass ihm Marianne während ihrer Verlobungsfeier mit dem feisten Fleischhauer Oskar (Thomas Mraz) unweigerlich verfällt, als er sie - "an der blauen Donau" - unter der an einem Baumstamm angebrachten Dusche beobachtet. Warum sich das schüchterne Mädchen, als der Vater die beiden ertappt, sich dann nicht einmal vor den herbeieilenden Gästen wenigstens ein Handtuch umhängt, ist allerdings wenig einsichtig.

Den Zauberkönig gestaltet Erwin Steinhauer als monströsen Kleinbürger schlechthin: Biederkeit ausstrahlend, auf untadeliges Äußeres bedacht, verweigert er der in "Schande" gefallenen Tochter jede Hilfe. Sogar in jenem Augenblick, als die verzweifelte Marianne ihren einzigen Ausweg im Selbstmord sieht, sorgt er sich wutentbrannt nicht um sie, sondern ums eigene Image, das dadurch ins Wanken geraten könnte. Dass er selbst der alternden Trafikantin Valerie an die Wäsche geht, ist eine andere Sache. Sandra Cervik zeigt sie als gestandene Vorstadtschönheit, die sich damit abgefunden hat, dass sie ihre jüngeren Lover - zunächst Alfred, dann einen völkisch gesinnten deutschen Studenten - eben aushalten muss, dafür aber auch das Sagen hat.

Wie man Figuren aus dem Horváth-Bestiarium auf den Punkt bringt, demonstriert Erni Mangold als Alfreds im Rollstuhl thronende Großmutter, die sich auf ihre Art um den ihr in Pflege gegebenen kleinen Leopold kümmert. Da Mariannes Schandfleck getilgt ist, kann zum bitteren Happyend die Verlobung mit Oskar nachgeholt werden. Er hebt die ob der Todesnachricht ohnmächtig Zusammengebrochene vom Boden auf, wirft sie sich über die Schulter und schleppt sie im Walzertakt ab.