Wenn "Cats" auf seiner Musical-Tour nach Wien kommt, dann ist das nicht wie in Bielefeld, Köln oder Düsseldorf. Denn "Cats" hat mit Wien eine Geschichte. Eine lange Geschichte. Von 1983 bis 1990 sahen mehr als 2,3 Millionen Menschen "Cats" im Theater an der Wien - von London und dem Broadway direkt nach Wien - damals eine Sensation. Und
die wirkte prägend auf eine ganze Generation junger Theaterbesucher.

Und so ist der Besuch der "Cats"-Premiere am Donnerstagabend ein bisschen, wie wenn man eine alte Jugendliebe nach zwei Jahrzehnten wieder auf einen Kaffee trifft. Man ist - je nachdem - gereift, oder auch nur gealtert. Statt im feudalen Theater an der Wien logiert die erste Liebe nun in einem Zelt auf der Brache neben der Tangente. "Eh schön - sehr verkehrsgünstig", würde man höflich sagen - wohl wissend, dass das wohl kein Aufstieg ist. Das Zelt, vollgestopft mit Technik (und mit leider deutlichem Heizungsabgasgeruch) ist beeindruckend und doch auch enttäuschend. Mangels Akustik wirken Musik und Gesang seltsam leise und gedämpft. Wenn Grizabella (stark: Masha Karell) ihr "Memorys" singt, bleibt die Gänsehaut aus, was nicht an den durchwegs exzellenten Darstellern liegt.

Auf Tuchfühlung

Das Bühnenbild, der Schrottplatz, auf dem die Jellicle Cats ihren Ball feiern, wurde dem Londoner Original nachempfunden, platzbedingt etwas kleiner und ein bisschen weniger elaboriert. Gesungen wird auf Deutsch, man hält sich dabei an die Wiener Fassung von Michael Kunze aus dem Jahr 1983.

Die Übersetzung, damals wohl noch notwendig, wirkt heute fast ein wenig antiquiert - T. S. Eliots und Andrew Lloyd Webbers Texte wirken im englischen Original einfach deutlich besser, ein deutsches Libretto ist heute völlig unnötig, zumal das damals wie heute nicht die Muttersprache vieler Darsteller ist.

Die Ensembleleistung ist sensationell, die "Katzen" tanzen rund drei Stunden mit vollem Körpereinsatz inklusive atemberaubender Akrobatik - nach vielen Monaten Tour sitzt hier jede Bewegung. Das Zelt ist so gebaut, dass auch der Zuschauerraum bespielt werden kann, was bedeutet, dass die Cats durchaus auch auf Tuchfühlung mit dem Publikum gehen können. Die Inszenierung ist originalgetreu das, was man sich von "Cats" erwartet, genauso wie Kostüm und Maske an Exzellenz nichts einbüßt haben.

Und so hat das Treffen mit der alten Liebe ein bisschen was von "Du hast Dich gar nicht verändert" und der Erkenntnis, dass man heute manches besser versteht als damals in der Faszination des Neuen, Spektakulären. Und so klingen am nächsten Tag noch die Melodien im Ohr - als Erinnerung an eine fantastische Reise in die Vergangenheit.