Laternenlicht, verlösch mir nicht, Rabimmel, rabammel: (v.l.n.r.) Johann Adam Oest, Falk Rockstroh, Peter Knaack, Christiane von Poelnitz, Regina Fritsch in "Das fliegende Kind". - © Reinhard Werner.Burgtheater
Laternenlicht, verlösch mir nicht, Rabimmel, rabammel: (v.l.n.r.) Johann Adam Oest, Falk Rockstroh, Peter Knaack, Christiane von Poelnitz, Regina Fritsch in "Das fliegende Kind". - © Reinhard Werner.Burgtheater

Das Theater ist ein blutrünstiger Ort. Zahllose Leichen pflastern die Geschichte des Schauspiels, selbst Geister kommen auf der Bühne nicht zur Ruhe. Das dramatisierte Lebensende steigert sich jedoch zum schieren Grauen, sobald Kinder für den Fortgang der Handlung ihr Leben lassen müssen - zumeist als schrecklicher Höhepunkt einer Tragödie von antikem Ausmaß, als scheinbar letzter Ausweg einer ausweglosen Situation. Im dramaturgischen Aufbau ist der Verlust jungen Lebens in der Regel mit der Bankrotterklärung der Welt der Erwachsenen verbunden, mit massiver gesellschaftlicher Anklage.

Selten jedoch ereignet sich der Bühnentod eines Kindes so zufällig, fast beiläufig wie in Roland Schimmelpfennigs jüngstem Stück "Das fliegende Kind", das in der Regie des Autors nun am Akademietheater uraufgeführt wurde.

Spröder Text


Die Bühne: ein leer geräumter, schwarzer Kasten (Johannes Schütz), von sechs Schauspielern bevölkert, die dunkle Winterkleidung tragen. Die einzigen Lichtpunkte und Farbtupfer in der 90-minütigen Aufführung: bunte Laternen, die einmal kurz aufflackern - während eines Laternenumzugs zum St.-Martins-Fest ereignet sich der Unfalltod des Kindes.

Wie in früheren Regiearbeiten des Autors - etwa "Der goldene Drache" (2009) und "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" (2010) - ist auch diese Inszenierung von äußerster Reduktion geprägt. Zugleich setzt der Regisseur auf die Spielfreude seines sechsköpfigen Ensembles - darunter Barbara Petritsch und Johann Adam Oest -, das trotz eher spröder Textvorlage jede Möglichkeit nützt, sich in Szene zu setzen. Rollenwechsel werden in Windeseile, mit minimalen Mitteln, vollzogen. Dem tieftraurigen Geschehen ringt das Ensemble sogar komödiantische Facetten ab: Christiane von Poelnitz und Regina Fritsch stülpen sich dabei abwechselnd bunte Kindermützen über - und stellen, ziemlich glaubhaft, den Trotzanfall einer Zweijährigen nach.

In "Das fliegende Kind" hantiert Schimmelpfennig, 45 und aktuell einer der gefragtesten Gegenwartsdramatikern des deutschsprachigen Theaters, erneut mit raffinierten Zeitsprüngen und Wiederholungen, die den Kontext einer Szene erst nach und nach enthüllt; die Figuren und das Geschehen werden so ständig aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Der vertraute dramaturgische Kniff wird in "Das fliegende Kind" nun durch einen Chor erweitert, dessen szenisches Potenzial Schimmelpfennig nicht zur Gänze auslotet, dem der Abend aber auch einen seiner eindringlichsten Momente verdankt: Jener Augenblick, in dem die trauernde Mutter realisiert, wer hinter dem Steuer des Wagens saß, von dem ihr Kind überfahren wurde, setzt gerade durch die Wiederholung der Szene in choraler Form einen beispiellosen Schmerz frei.

"Das fliegende Kind" verstört durch die Zufälligkeit der Ereignisse. Schimmelpfennigs kolportageartige Darstellung eines Unglücksfalls und dessen sukzessiver Demaskierung hat kein nachhaltiges Entsetzen zur Folge.

Was bleibt, ist Schreckstarre angesichts eines Schicksalsschlags. Und die Frage, ob sich hier ein Autor nicht allzu leicht aus seiner Erzählverantwortung gestohlen hat.