Im Idyll: Svetlana Ignatovich als Fewronja. - © Monika Rittershaus
Im Idyll: Svetlana Ignatovich als Fewronja. - © Monika Rittershaus

Diesmal bekam das Bühnenbild seinen eigenen Applaus. Und damit auch der Regisseur, denn Dmitri Tschernjakow hat für seine Wunschoper in Amsterdam auch das Bühnenbild entworfen. Nikolai Rimski-Korsakows Opernmonstrum aus dem Jahre 1906 "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch" schafft es zwar selten auf die Bühne, aber der Russe hat sie vor elf Jahren, am Anfang seiner Karriere, in St. Petersburg schon einmal inszeniert.

Auch wenn jetzt sein Wald nur aus drei Riesenbaumstämmen, vertrocknetem Gras und einer Hütte besteht, rührt das Auftaktbild in seiner atmosphärischen Opulenz doch Herzen und Hände. In dieser idyllischen Waldeinsamkeit plaudert die schöne Fewronia mit den Tieren, hier begegnet sie ihrem Gott, hier läuft ihr der Traumprinz über den Weg, der sich auch gleich mit ihr verlobt.

Sein von Tataren bedrohtes Klein-Kitesch ist ein Innenhof, mit einer postsowjetischen Gesellschaft vor stalinistischer Fassadenwucht. Ein Sittengemälde mit viel Wodka, Wärme, aber auch latenter Aggression. Die Horde, die plötzlich einfällt und alles ermordet, ist eine Melange aus Hooligans, Neonazis und Terroristen. Diese Attacke auf die Zivilgesellschaft wirkt beklemmend real. In Groß-Kitesch hat sich die verängstigte Bevölkerung in ein heruntergekommenes Kulturhaus zurückgezogen, das ihr als Notlazarett dient.

Der Glaube versetzt Städte


In der märchenhaften Volksoper schafft es der rechte Glaube, die Stadt Kitesch unsichtbar zu machen, sodass die anstürmenden Tataren sie nicht finden. Tschernjakow verweigert dem Stück aber die folkloristische Illustration und bedient sich jener Bilder, die heutzutage für den Einbruch des Irrationalen in die Gegenwart stehen. Der fundamentalistische Terror, den er toben lässt, trifft sich mit christlichem Erlösungsglauben in seiner Jenseitsorientierung.

Wenn es in Groß-Kitesch ernst wird, ziehen die Männer mit weißen Büßerhemden in die aussichtslose Schlacht. Das stärkste Bild aber liefern die zurückbleibenden Frauen, die friedlich, aber tot in den Sesselreihen sitzen. Sie haben die makaberste Art von Unsichtbarkeit gewählt.

Bei den letzten Bildern einer paradiesischen Jenseits-Idylle, der von Marc Albrecht gänzlich ohne Striche, im sinnlichen Breitwandsound zelebrierten Musik wird dann auch klar, warum dieses Werk im Ruf eines russischen "Parsifal" steht, denn da wagnert es deutlich. Doch sei’s drum. Amsterdam hat wieder eine Großtat gestemmt, mutig zumal für ein Stagione-Haus. Svetlana Ignatovich läuft in der Mordspartie der Fewronia zu einer Hochform auf, die sie aus dem exzellenten Protagonisten-Ensemble heraushebt. Bejubelt wurden sie alle.