Seelen-Abgründe: Karlheinz Hackl (rechts), ein starker Gegenpol zum juvenilen Hofreiter von Sascha Oskar Weiß. - © Salzburger Landestheater
Seelen-Abgründe: Karlheinz Hackl (rechts), ein starker Gegenpol zum juvenilen Hofreiter von Sascha Oskar Weiß. - © Salzburger Landestheater

Ein Kabarettist inszeniert Arthur Schnitzler: Im Fall von Werner Schneyder kommt im Landestheater Salzburg trotzdem keine Aufführung heraus, bei der man sich auf die Schenkel klopft. Vielmehr verfügt der Regisseur über einen unverstellten Blick für die Absurdität der Situationen und die Ungeheuerlichkeiten, die sich die Protagonisten in dem als "Tragikomödie" bezeichneten Stück "Das weite Land" an den Kopf werfen.

Friedrich Hofreiter betrügt seine Frau Genia, so oft es nur geht. Sascha Oskar Weiß verleiht dem Schwerenöter die Anmutung eines eloquenten Sunny Boys, der mit gewinnendem Lächeln und sprühendem Charme seinen ausschweifenden Charakter mehr koloriert als übertüncht.

Präzis gearbeitet ist die Inszenierung, genau ausgehorcht die Dialoge. Im Bühnen-Vordergrund eine Garten-Sitzgruppe, wo die jeweiligen Dialogpartner Platz nehmen, denkbar nahe beim Publikum. Werner Schneyder weiß, was es braucht, um Emotionen über die Rampe zu transportieren. Keineswegs braucht es hierfür den Wiener Plauderton. Die Konversation wirkt poliert, Wort um Wort bestens getimt.

Hackls Bühnenabschied


Genia, die ewig betrogene Gattin, hat überhaupt nichts Larmoyantes an sich. Franziska Becker zeichnet die Figur als klar kalkulierende Frau, die sich in ihrem Mann nur ein einziges Mal täuscht. Dass ihre amouröse Retourkutsche, ein Verhältnis mit dem jungen Militaristen Gustav, für diesen tödlich ausgehen könnte (er stirbt beim Duell mit Hofreiter), hat sie nicht im Entferntesten vorhergesehen.

In der Salzburger Aufführung nimmt ein großer österreichischer Schauspieler Abschied von der Bühne: Der von Krankheit gezeichnete Karlheinz Hackl will nach eigener Aussage nicht mehr Theaterspielen. Als Doktor von Aigner ist er eine wichtige Spiegel-Figur in diesem Stück: Er hat seine Frau verlassen, ist jetzt amourös umtriebiger Hoteldirektor in den Dolomiten. Das mag man Hackl so nicht mehr abnehmen, er setzt auf leise, melancholische Töne - ein starker Gegenpol zum juvenil wirkenden Bonvivant Hofreiter.

Starke Ensembleleistung


Elisabeth Halikiopoulos lässt Erna, das aktuelle Gspusi von Hofreiter, überzeugend zwischen vorlauter Intellektueller und Draufgängerin changieren. Meisterhaft in der Zurückhaltung: Gero Nievelstein als Doktor Mauer, der auch ein gewisses Interesse an Erna hat. Eine starke Ensembleleistung ohne Ausfälle.

Hübsch die Bühnenbild-Idee (Christian Rinke): eine raumfüllende, dreidimensional gewordene Bühnenbildskizze, ein Fassadenriss, bei dem sogar noch die Maße, die Weiten der Fenster und die Baumaterialien eingezeichnet sind. Das Bühnenbild kann als Hinweis auf Schnitzlers tiefenpsychologische Sicht der Figuren gesehen werden.

"Die Seele ist ein weites Land", sagt Doktor von Aigner einmal im Stück, und diese weite Seelen-Welt der Haute-Volée wird vermessen, skizziert: ein Aufriss der Seelen-Abgründe.