Die Katastrophe im Blick: Andrea Jonasson und Helmuth Lohner. - © erichreismannphotography
Die Katastrophe im Blick: Andrea Jonasson und Helmuth Lohner. - © erichreismannphotography

Die Bühne der Josefstadt ist leer, düstere Stimmung. Ein Mann trifft letzte Vorkehrungen für einen lang ersehnten Besuch. Der Gastgeber zerrauft sein schlohweißes Haar, der Hemdkragen lässt sich nicht schließen, die Krawatte baumelt nachlässig um den Hals, das Jackett schlottert. Wortlos müht sich die Elendsgestalt ab, nochmals so etwas wie einen Anflug von Glanz und Glorie heraufzubeschwören. Einen Moment lang schafft es der Wartende, seinen Rücken stramm durchzustrecken. Dann klopft es.

Als jemand anderes als der erhoffte Gast den Bühnenraum betritt, raubt die Enttäuschung dem Hausherrn die letzte Kraft, als Person sinkt er gleichsam in sich selbst zusammen. Die Szene dauert nur wenige Minuten, doch Helmuth Lohner entwirft darin souverän das Bild eines Mannes, der in der Isolation allmählich dem Irrsinn anheim fällt. Mit sparsamen Gesten skizziert er einen Menschen, der sich zunehmend verliert - und erzeugt so eine Spannung, die er als Titelfigur in Ibsens "John Gabriel Borkman" in der knapp dreistündigen Aufführung aufrechthält.

Alptraumhaftes Sittenbild


Das in der Josefstadt gezeigte Spätwerk des norwegischen Dramatikers, das einen ehemaligen, der Veruntreuung überführten Bankdirektor ins Zentrum rückt, beruht auf wahren Begebenheiten. Der Möchtegern-Weltverbesserer Borkman hat Millionen verschleudert, Bank, Familie und Ruf ruiniert; er saß dafür im Gefängnis und wartet nun seit Jahren darauf, dass ihm Genugtuung wiederfahre. Ibsen zeichnet in der Figur des John Gabriel Borkman das Charakterbild eines skrupellosen, machtbesessenen Spekulanten. Kein Wunder, dass das selten gespielte Stück seit Ausbruch der Finanzkrise wieder häufiger auf die Spielpläne gesetzt wird. 2009 ließ der Berliner-Schaubühnenleiter Thomas Ostermeier etwa mit einer Inszenierung aufhorchen, die sich an einer Antwort auf den aktuellen Börsencrash versuchte; das norwegisch-deutsche Regieduo Vinge/Müller nahm den Klassiker wiederum für die Berliner Volksbühne radikal auseinander, um ihn als alptraumhaftes Sittenbild einer bankrotten Gesellschaft wieder zusammenzusetzen. Die viel diskutierte Inszenierung ist einer der Höhepunkte des diesjährigen Berliner Theatertreffens.

Elmar Goerden, 48, gilt dagegen als neokonservativer Regisseur, dem Werktreue ein Anliegen ist. In der Josefstadt wählt er nun einen wenig spektakulären, aber gleichwohl überzeugenden Zugang: Er verfrachtet die Figuren in die frühen 60er Jahre und konzentriert sich auf das zwischenmenschliche Drama. Gattin Gunhild (Nicole Heesters) hat Borkman den Skandal nie verziehen. Sie setzt alle Hoffnung auf Sohn Erhard (Martin Bretschneider). Doch Gunhilds todkranke Zwillingsschwester Ella (Andrea Jonasson), von der die Familie finanziell abhängt, meldet ebenfalls Ansprüche auf Erhart an, der in ihrer Obhut aufgewachsen ist.

Durch die neue zeitliche Verortung des Stücks tritt der Generationenkonflikt deutlicher zu Tage. Die sexuelle Befreiungsbewegung der späten 60er Jahre schimmert durch, wenn Erhart mit Fanny Wilton (Maria Köstlinger) durchbrennt, zudem wirkt der Liebesverrat, den Borkman an beiden Schwestern begeht, vordergründiger. Regisseur Goerden beweist Feingefühl für die psychologischen Nöte der Figuren, die sich gegenseitig das Leben verpfuschen, eiskalt gehen die beiden Schwestern aufeinander los, voller Neid und Missgunst.

Herzenswärme und eine Leidenschaft, die man den versteinerten Figuren kaum zugetraut hätte, flackert indes bei der letzten Begegnung von Borkman und Ella auf, dem ehemaligen Liebespaar. Nicht nur in dieser Szene glückt den Darstellern präzise Schauspielkunst. Das Ensemble vermag dem Trauerspiel sogar komische Augenblicke abzutrotzen, etwa wenn Heribert Sasse als Borkmans einzig verbliebener Freund den Abwasch tätigt und eine Jause vorbereitet: alltäglicher Aberwitz im Angesicht der omnipräsenten Katastrophen.