Auch Ludwig van Beethoven, Großmeister der eher wortkargen Symphonie, landete einst vor dem PR-Karren Richard Wagners. Der deutsche Gesamtkunstwerkler ortete im Freudenchor der "Neunten" nicht weniger als die Überwindung der Instrumentalmusik, mit anderen Worten: eine geniale Vorstufe zu Wagners eigener Kunst. Mit dem Wissen der Nachwelt ließe sich freilich kontern: War es nicht Wagner, der am Lebensabend an der Abschaffung der eigenen Königsdisziplin arbeitete? Immerhin bringt "Parsifal", dieser vor gesundem Selbstvertrauen strotzende Versuch, den "Kern der Religion" zu retten, im letzten Aufzug fast nur noch Musik ohne Drama: rituelle Huldigungen für den Retter des heiligen Speers - mehr Handlungsbedarf besteht nicht.

Dass es die Musik dieses "Bühnenweihfestspiels" freilich in sich hat, dass sie schon im 19. Jahrhundert Gedanken in Richtung Opiumhöhle weckte, war der Gründonnerstagsaufführung der Wiener Staatsoper frappant anzuhören: Singulär, wie Christian Thielemann, dieser Tage der wohl meistverehrte Vertreter der Dirigentenzunft, den zweiten Aufzug zum Kochen bringt.

Grandiose Denoke


Hier Parsifal, der Speersucher, dort Kundry, die sinnliche Versucherin: Es liegt an der Schärfe, am irren Tempo der Streicher- und Blechakzente, die jäh aufleuchten und verpuffen, dass der Orchestergraben unter diesem Duo die Wirkung einer glühenden Fußbodenheizung ausübt. Gleichwohl koppelt sich das Dirigat nie von der Handlung ab: Wenn Kundry nach der zarten Blumenmädchenmusik dezidiert den "Tor" ruft, bremst Thielemann scharf: als würde der Selbstvergessene da schon seine Bestimmung ahnen.

Es bedarf jedoch nicht eines Thielemanns, um klarzustellen: Angesichts dieser Oberverführerin müssen die Blumenmädchen (hier nicht nur akustisch typengerecht) verduften. Angela Denokes Kundry bestrickt mit sirenenhaftem Ton, vor allem aber mit dem - auch körperlich - rückhaltlosen Ausdruck der Erlösungshoffnungen dieser Rätselfigur: Hier öffnet sich Denoke ein expressives Sprechgesangsfenster, dort drängt sie im Fortissimo an ihre Belastbarkeitsgrenzen. Kaum vorstellbar, in welche Erlösungs-Sphären dieser Abend dringen könnte, wären die Kollegen auf ähnlichem Niveau.

Heilige Langsamkeit


Waren sie, abgesehen von Wolfgang Bankl (Klingsor), nur leider nicht. Vor allem dieser Parsifal: Hausdebütant Simon O’Neill qualifiziert sich am Donnerstag allein per Schallmacht zum Wagnersänger, an Schliff und Stimmschönheit fehlt es. Der durchschlagskräftige Falk Struckmann (Amfortas) weiß solche Defizite durch Lyrisches zu mindern; Kwangchul Youn (Gurnemanz) wiederum lässt viel Vibrato, aber auch starkes Phrasierungsgeschick hören. Etwas zwiespältig zuletzt auch Thielemann: Der modelliert einen seidigen Karfreitagszauber, erzwingt jedoch eine Langsamkeit, dass man fürchtet, der markante Chor könnte in seiner finalen Erlösungsstarre noch von heiligen Spinnweben verhüllt werden. Dennoch ein singulärer Abend - für den Thielemann gefeiert wird, als wäre er Parsifal und Gott in einem.