"Niemand ist eine Insel": Ignaz Kirchner liegt in den Armen von Joachim Meyerhoff.
"Niemand ist eine Insel": Ignaz Kirchner liegt in den Armen von Joachim Meyerhoff.

Für Jean-Jacques Rousseau war Daniel Defoes Jahrhundertroman das Lehrstück einer gelungenen Flucht aus der krank machenden Zivilisation. Kant warnte die Leser vor der "leeren Sehnsucht" eines Neubeginns in Einfalt und Unschuld. Marx spottete über diese "phantasielose Einbildung des 18. Jahrhunderts". Adorno sah in Robinson die Fortschreibung des griechischen Odysseus: Beide seien Prototypen eines modernen "homo oeconomicus, dem einmal alle Vernünftigen gleichen". Freud und Kafka gebrauchten die Robinsonade als Sinnbild für beglückende Einsamkeit. Den Gegenspruch "Niemand ist eine Insel" wählte der seichte Moralist Johannes Mario Simmel als Romantitel. Ein Zitat! Erfinder war der fromme Lyriker Donne, ein Shakespeare-Zeitgenosse.

Alles entstauben!


In der Vision von Joachim Meyerhoff und Jan Bosse gerät der als Kinderlektüre unterschätzte Roman aus dem Jahr 1719 zum Alptraum zweier scheinbar Böser Buben, die im verhassten bürgerlichen Bildungstheater mit dem Schlachtruf "Alles entstauben!" gegen eben dieses vergeblich revoltieren. Die Burg-Direktion, jedem Gag hold, scheute keine Mühe. Das halbe Parkett wird ausgeräumt, die Zuschauer sitzen mit Blick ins Logenrund auf der Bühne, sodass sich im Umkreis von rotem Plüsch und Stuck in Weiß-Gold erfüllen könnte, was aufgeklärte Theaterkunst von sich behauptet: den Weg in eine ideale, vernünftige Gesellschaft vorbildhaft aufzuzeigen.

Meyerhoff/Bosse steuern diesen Lieblingsnullpunkt aller Utopisten mit der Zerstörung von Sessel-, Teppich-, Tür- und Lusterdummys an. Ein Aufstand gegen den Denkmalschutz, der wehtut und zum Lachen ist. Doch das Neue ist zuletzt das Alte: Robinson nutzt nicht die "Gnade des Nullpunkts" (Heinrich Böll), sondern rekonstruiert dieselbe Welt, aus der er geflüchtet ist: Vaters spießiges britisches Mittelstandparadies, wo man "sitzend durchs Leben schwebt", der Knecht dem Herrn dient - und der Kolonialist Robinson in der ersten Reihe im Theater sitzt, während der eingeborene Insulaner Freitag in der achten oder gar am Stehplatz zuschauen muss.

Ein intelligentes und dabei komödiantisches Werkl, von Joachim Meyerhoff und seinem Leibregisseur Jan Bosse in Gang gesetzt. Wer was beigetragen hat zu diesem Gemeinschaftswerk ist egal. Es funktioniert, obwohl mancher Witz billig und die "Das Theater erfindet die Welt"-Metapher überstrapaziert ist. Aus dem tausendmal andersrum interpretierten Mythos vom unverdorbenen Einzelnen, der die Kultur neu erfindet, tönen allemal verlässlich Resonanzen und Dissonanzen, sobald nur angeklopft wird. Meyerhoff poltert mit umwerfendem Furor. Er zieht alle mimischen Register, auch die leisen, beiläufigen. Als nackte Unschuld agiert er ohne Peinlichkeit. Im nächsten Moment wischt er süffisant-zynisch wie Harald Schmidt in seiner Show jede Eindeutigkeit weg.

Blamage der Utopie


Mit unverstärkter Stimme füllt Meyerhoff den Raum, dessen riesige Maße im Normalbetrieb nicht bemerkt werden. Bis er als Robinson auf der karibischen Insel, die er "Speranza" nennen wird, landet, ist schon ein Drittel des Abends vergangen mit seiner Erzählung der Vorgeschichte. Die braucht es, um die tragische Blamage der Utopie zu verstehen. Meyerhoff hält das Modell eines Dreimasters in der Hand. Ignaz Kirchner singt als Robinsons Vater die Arie vom goldenen Mittelstand. Der Sohn flüchtet, doch das System holt ihn ein. Vergebens sind die Theatermöbel zerschlagen. Burg bleibt Burg. "Das hab ich gebaut, das ist Hochkultur!", ruft Robinson zuletzt
(ein Echo von Ernst Jandls kulturkritischer Sprechoper "Die Humanisten").

Die Figur des "Wilden" Freitag schreitet auf der Ebene der Theaterkunst in die Dekonstruktion. Ignaz Kirchner betritt Robinsons Insel mit dem Rollköfferchen, er kostümiert und schminkt sich vor aller Augen. Und ist so Symbol für ein antiillusionistisches, sozusagen modernes Theater.

Zum Schluss singt er wie ein Altersheimunterhalter "Hänschen klein".

Theater

Robinson Crusoe

Nach Daniel Defoe

Jan Bosse (Regie)

Burgtheater

Wh.: 26., 27., 29. April