Bunt und laut: Constanza Macras Tanztheater als ironische Roma-Revue. - © Thomas Aurin
Bunt und laut: Constanza Macras Tanztheater als ironische Roma-Revue. - © Thomas Aurin

Tänzelnd muss man sich schon über den Hof des Wiener Museumsquartiers bewegen, um über Wegelagerer überhaupt erst zum Eingang zu gelangen, beschwingt und leichten Fußes verlässt man es dann wieder nach den kurzweiligsten 100 Minuten Tanztheater. Und dazwischen? Schrill, bunt und laut wird gesungen, getanzt und gezankt - sitzen bleiben fällt oft schwer - und werden auch pathoslos Einzelschicksale erzählt.

Die in Berlin ansässige argentinische Choreografin Constanza Macras und ihre Kompanie DorkyPark vereinen Tänzer und Themen aus der ganzen Welt: Von Bombay bis Brasilien reicht ihr Aktionsfeld; Konsumismus und urbane Identität, Migration, Segregation und der Clash der Kulturen sind ihre omnipräsenten Sujets. In der Uraufführung "Open For Everything", die sie im Rahmen der Wiener Festwochen am Donnerstag im Museumsquartier präsentierte, widmet sie sich nun humorvoll, ironisch und auch berührend den Lebensweisen, Tanzstilen und der Musik der Roma. Seit 2010 recherchiert Macras in Ungarn, Tschechien und der Slowakei, um schließlich ein Ensemble aus Roma-Musikern und -Performern, Tänzern ihrer Kompanie und Laien im Alter zwischen 12 und 56 Jahren zusammenzustellen.

Facettenreiches Bewegungskonvolut


Macras lässt ihre Performer auftanzen, einen Unterschied zwischen Profis und Laien macht sie nicht. Soll sie auch nicht: Fließend ist ihr Bewegungsrepertoire, sodass die Tänzer zu homogenen Paaren verschmelzen. Jeder Griff sitzt exakt verkettet, die Sequenzen erinnern an ein Konvolut aus Hip-Hop, Folklore, Ballett, Flamenco und zeitgenössischem Tanz. Dazu führt der Geiger und Sänger Marek Balog mit seiner vierköpfigen Band durch ein mitreißendes Potpourri aus Roma-Musik. Gespielt wird mit all den Vorurteilen und Klischees. So zählt etwa die mittanzende Filmemacherin Leni - Riefenstahl, versteht sich - die grausamsten Ressentiments auf: Sie würden "Kinder zum Betteln missbrauchen, um dann das Geld zu versaufen, und sie stehlen Babys, um sie dann zu essen. Das ist das Zigeuner-Gen."

Entgegengesetzt dazu lässt Macras Einzelschicksale erzählen: Eine 20-jährige Alleinerzieherin, deren Kindsvater wegen Drogen im Gefängnis sitzt. Fatima, die eigentlich Rajmund heißt und auf seine/ihre Geschlechtsumwandlung wartet. Ein übergewichtiger und talentierter Hip-Hopper, für den Tanz sein Leben bedeutet, oder Ivan Papa, der von Töchterverkauf zwischen 1000 und 10.000 Euro zu berichten weiß. Dazwischen werden bunte Röcke geschwungen, wird ein Trabi-ähnliches, verbeultes Auto über die Bühne gefahren oder ein ausgestopftes Zebra von einer Nonne, die eigentlich noch ein Mann ist, geritten. Authentisch wirken die Erzähler und ihre Geschichten, die man ob ihres fast emotionslosen Vortrags schon als Berichte bezeichnen könnte.

Choreografin Macras hasse Mitleidstheater, meint sie im Programmheft, und es gelingt ihr, die feine Grenze zwischen berührt sein, aber dennoch nicht in Mitleid zu verfallen, abzutasten und niemals zu überschreiten. Das Ergebnis ihrer zweijährigen Recherche ist ein Abend voller Lebensfreude und Musik, eine Roma-Revue, die dennoch selbstironisch in starken Bildern von Armut und Chancenlosigkeit berichtet.