Magnetisches Spiel, das ins Herz trifft: Cate Blanchett begeistert als Lotte.
Magnetisches Spiel, das ins Herz trifft: Cate Blanchett begeistert als Lotte.

Das Licht auf der Bühne lässt keinen Zweifel darüber, wer der Mittelpunkt in "Groß und klein/Big and Small" ist. Es ist natürlich Cate Blanchett, die schon in der ersten Szene mit ihrem ersten furiosen Monolog klarstellt, dass sie diese Aufführung dominieren wird. Doch dieser Lichtkegel, in dem sie allein steht, erzählt auch eine andere Geschichte: die Geschichte einer Frau, die durch die verschiedenen Facetten der Isolation taumelt. Zu Beginn ist die Einsamkeit von Lotte nicht ganz unverschuldet - beim Marokko-Urlaub sitzt sie lieber in der klimatisierten Lobby, als mit der zerstrittenen Reisegruppe Ausflüge zu machen.

Doch dann versucht sie alles Mögliche, um Anschluss zu finden: Ein offenes Fenster ist ihr Einladung genug, um ein Ehepaar in dessen Schlafzimmer anzusprechen. Die Freundschaft mit der Frau scheitert, diese will nicht "noch jemanden, den ich grüßen muss". Lotte zieht in die Wohngemeinschaft ein, in der ihr entfremdeter Mann Paul lebt - wie sich herausstellt, mit einer neuen Frau. Auch dort fällt Lotte durch zu viel soziales Engagement auf und wird schließlich von Paul brutal entfernt.

Am Ende des Stationendramas sitzt sie in einem Wartezimmer, in dem nach der Reihe alle aufgerufen werden, bis auf Lotte. Sie hatte keinen Termin, sie war nur dort, um unter Menschen zu sein. Sie wird (wieder) weggeschickt und verschwindet endgültig im Finsteren. Auch ein trauriges Versprechen, dass das Licht schließlich einlöst.

Botho Strauß’ "Groß und klein", 1978 uraufgeführt, gilt als treffende Bestandsaufnahme der BRD zu jener Zeit. In einer Fassung der Sidney Theatre Company, die Blanchett und ihr Mann Andrew Upton leiten, ist es nun bei den Wiener Festwochen zu sehen. So grotesk es ist, in einem Wiener Theater ein deutsches Stück auf Englisch mit deutschen Übertiteln zu sehen -die Bearbeitung durch Martin Crimp tut dem angestaubten Zeitdrama gut.

Seherische Qualitäten


Tatsächlich betont diese Inszenierung Strauß’ seherische Qualitäten: Denn die Welt, die er beschreibt, ist unsere heutige Welt. Die Welt der auf die Smartphone-Bildschirme starrenden Einzelgänger, die Welt, die lieber netzwerkt als tatsächliche Freundschaften pflegt, die Welt, die Optimisten wie Lotte für Schwächlinge hält. Es ist höchstens vielleicht schade, dass es einer Anpassung an angelsächsische Sehgewohnheiten durch Regisseur Benedict Andrews bedarf, dass ein deutschsprachiges Stück so modern - und vor allem witzig aktualisiert wird. Das simpel anmutende Bühnenbild mit seinen malerisch ausgeleuchteten Mülltonnen und Telefonzellen erinnert nicht ohne Grund an Edward Hopper, Maler der Einsamkeit. Doch so manche sprachliche Feinheit geht natürlich verloren.

Aber andererseits: Nur so kommt man in den Genuss der brillanten Cate Blanchett als Lotte. Alle, die gekommen sind, um einen Filmstar bei der "richtigen" Theaterarbeit scheitern zu sehen, werden bitter enttäuscht werden. Denn diese Frau spielt hier um ihr Leben. Allein, wie sie mit einer Gegensprechanlage als ihrem einzigen Gegenüber spielt, ist eine Wucht. Wenn sie, aus der Welt gestoßen, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren scheint und absurd tanzt, ist das spaßig und herzzerreißend zugleich. Von der überraschten Begeisterung über die latente Verzweiflung und die beißende Ironie bis zur ehrlichen Erschütterung, dass ihr Leben einst so leer wie ein unbeschriebenes Buch sein könnte - Blanchett ist magnetisch in ihrem mühelosen Spiel. "Eine letzte Sache", sagt sie einmal, "vergiss mich nicht" -diese Gefahr besteht keineswegs.