Weltrevolution der grauen Panther: argentinische Lebensläufe zwischen Krise und Krankheit. - © © nurith wagner-strauss / nurith.wagner-strauss@chello.at
Weltrevolution der grauen Panther: argentinische Lebensläufe zwischen Krise und Krankheit. - © © nurith wagner-strauss / nurith.wagner-strauss@chello.at

Gibt es einen "Schnittpunkt" zwischen "privater Biografie und öffentlicher Geschichte"? Diese Frage stellt sich die argentinische Theatermacherin Lola Arias in ihrer als Auftragswerk der Wiener Festwochen entstandenen Schauspiel-Performance "Melancolía y manifestaciones", einem sensiblen, dabei (selbst)kritisch unsentimentalen Rekonstruktionsversuch von Stationen aus dem Leben ihrer Mutter.

Arias, 1976 geboren, kennt ihre Mutter nur als manisch-depressive Frau, deren Krankheit laut medizinischer Diagnose durch eine postnatale Depression ausgelöst wurde. Andererseits könnte auch die gleichzeitig Argentinien erschütternde politische Katastrophe der Militärdiktatur dazu beigetragen haben, dass sich die bis dahin selbstbewusste, progressive Ansichten vertretende Universitätsprofessorin für Literatur in ihre eigene Welt zurückzog.

Arias, Autorin, Regisseurin und Akteurin der Performance, lässt als reflektierende und kommentierende Erzählerin mit Überschriften versehene Bilder und Szenen verschiedener Zeitebenen aus dem Leben der Mutter vor und nach dem Ausbruch der Krankheit im jeweiligen sozialen Umfeld in unnachahmlicher Ästhetik und stellenweise auch mit feinem Humor nachspielen: in einem weißen, von beweglichen Lamellenwänden umschlossenen Kubus mitten im dunklen Raum.

Manchmal als Videoprojektionen auf der Stirnfläche, dann wieder öffnet sich der Raum und gibt den kleinen Guckkasten als Spielraum für das exzellente Ensemble frei. Für den musikalischen Rahmen sorgt Ulises Conti an der E-Gitarre. So sieht man etwa die "Amores da mi madre", nostalgisch untermalt von "Love me tender".

Aufmüpfige Alte


In einem symbolstarken Bild entkleidet schließlich die Tochter die hinfällige, zu einem engelhaften Wesen mutierende Mutter, um selbst Stück für Stück in deren Kleidungsstücke zu schlüpfen.

Im zweiten Teil des 70-minütigen Abends rufen in den "Manifestaciones" die von zwei Männern und zwei Frauen repräsentierten aufmüpfigen Alten, die sich wöchentlich im Zentrum von Buenos Aires versammeln, mit ihren gerechtfertigten, zum Teil aber auch skurrilen Forderungen alle "Weißhaarigen dieser Welt" zur globalen Revolution auf, für eine menschenwürdige Existenz, Recht auf Sex und das Recht darauf, nicht allein sterben zu müssen. Urkomisch, tieftragisch und authentisch.

Alles in allem: eine mit multimedialen Mitteln gestaltete, aussagestarke Performance, die Sprache, Darstellungskunst, Choreographie und Bildwirkung zu einem lange nachwirkenden Gesamtkunstwerk vereint.