An vielen Plakatwänden, Straßenbahnen und Wartehäusln ist der Saisonauftakt im gewohnten Schwarzweißdesign und Wortschüttelspiel plakatiert: "Auf-Burg-Bruch". Direktor Matthias Hartmann hat 2012/13 als "Österreich-Saison" angekündigt. Mit Raimund, Nestroy, Grillparzer, Hofmannsthal, Molnár, Ferdinand Bruckner und dem vergessenen Dadaisten Walter Serner.

Kein Drama passt besser, um sich vom konträren Ufer, dem preußischen, Richtung Österreich abzustoßen, als Heinrich von Kleists mit rührendem Liebesspiel durchwachsene Militarismus-Orgie "Der Prinz von Homburg". Die Burg bot als Nachtrag zum Kleistjahr 2011 (der Dichter tötete sich 1811 am Wannsee) den gewichtigsten Beitrag zum Schauspiel bei den Salzburger Festspielen. Mit Übersiedlung aus dem engen Landestheater ins Riesenmaul der Burgbühne wurden Webfehler in Andrea Breths Inszenierung deutlicher.

An Kleists quälend sezierenden Menschenspielen im klassisch-romantischen Wendemantel haben sich die Wiener Herzen selten erwärmt. Am ehesten am "Zerbrochnen Krug", den mancher als bestes deutsches Lustspiel schätzt. Es braucht ein sadistisches Äderchen, um sich daran zu ergötzen, wie der Richter Adam an der Investigationsangel erbarmenswürdig chancenlos seinem Ende entgegenzappelt.

Weises Verstehen der "Comédie humaine" hilft, diese Menschenzerstörung im Namen von Wahrheit und Recht zu ertragen. Dieselbe Zuspitzung im "Prinzen von Homburg" nach dessen Sieg bei Fehrbellin! "Das Gesetz will ich, die Mutter meiner Krone, aufrecht halten, die ein Geschlecht von Siegen mir erzeugt", verteidigt der Kurfürst das Todesurteil über den Neffen, der einen Befehl missachtete und seiner Hinrichtung entgegenzittert. Dass Prinz Arthur dafür in Österreich den Maria-Theresien-Orden bekommen hätte, ist nostalgische Selbsttäuschung. Den gab es für geglücktes Heldentum "über den Befehl hinaus".

Die Schauerromantik schwindet
Andrea Breth reduziert die Herzens- und Kostümromantik auf kühles Schwarzweiß. Die Hofgesellschaft findet den somnambulen Prinzen zwischen rußigen Baumruinen. Die Fackeln: grelles LED-Licht. Höfische Interieurs presst Martin Zehetgruber in einen nur drei Meter hohen und überbreiten Guckkasten, die Lichtdecke und Wandverkleidungen schimmern milchig und steril wie im Büro. Moidele Bickels Kostüme triefen in Dunkelgrau bis Schwarz. Breths radikalster Kunstgriff toppt nach zweieinhalb pausenlosen Stunden Kleists Finale: Der Prinz stirbt. Statt nach unverhoffter Rettung in Ohnmacht zu fallen. Ein Opfertod im doppelten Wortsinn. In Salzburg umschmeichelten das jähe Sterben noch Nebel der Schauerromantik. Im Wiener Großformat verflüchtigt sich das Geheimnis. Die Frage nach dem Warum? Autosuggestion, mythische Kraft des Gesetzes, Analogie zu Kleists Freitod, plötzlicher Herztod durch unverkraftbare Erregung – alles mitdenkbar, wie auch die Verlockung, mit einer eigenen Version in die Theatergeschichte einzugehen.