Inspiriert von dem Gemälde "Entführung des Ganymed" des italienischen Renaissance-Malers Antonio da Correggio verfasste Paulus Hochgatterer eine zeitgenössische Interpretation des altgriechischen Ganymed-Mythos, der Geschichte eines schönen Jünglings, der von Zeus in den Olymp entführt und fortan unsterblich gemacht wird. Bereits Plato sah in dem Verhältnis des Göttervaters zu Ganymed eine homosexuelle Komponente. Bei Hochgatterer wird diese nun von allen mythischen Verklärungen befreit und erscheint vielmehr als realistische Gefahr des sexuellen Missbrauchs: Hochgatterers Ganymed wird, gemeinsam mit einem jungen Mädchen, von einem Schlepper in ein fremdes Land gebracht, muss in einem engen Rohr im Laderaum eines Mercedes-Lieferwagens schlafen und begegnet zwielichtigen Grenzpolizisten, die, so der Schlepper, dann und wann auch gern einmal "mitnaschen".

Dünner Text


Regisseurin Jacqueline Kornmüller entschied sich passenderweise für den Theseustempel im Volksgarten als Aufführungsstätte - die Verkörperung des Ganymed übernimmt der Puppenspieler Nikolaus Habjan, der die kleine Puppe des neunjährigen Buben mit viel Gefühl und Können zum Leben bringt. Dabei überzeugt auch der "menschliche" Rest des Ensembles - allen voran Joachim Bißmeier als lediglich in Projektionen sichtbarer Großvater Ganymeds. Die Inszenierung selbst allerdings verlässt sich ein wenig zu sehr auf das bewegende Puppenspiel und gelangt über die fast reine Darbietung des ohnehin eher dünnen Textes nicht wirklich hinaus.