Orbán war zu Beginn der Zusammenarbeit noch Oppositionspolitiker. Mit Finkelsteins Patentrezept, sich auf die Schwächen der Gegner einzuschießen und den eigenen Kandidaten aus dem Rampenlicht zu halten, wurde die Wahl 2010 gewonnen. Orbáns Partei Fidesz errang eine Zweidrittelmehrheit, die Verfassung wurde geändert und der Staat nach dem Willen des Premiers umgebaut. Die Stärke Orbáns resultiert auch aus dem Versagen der ungarischen Opposition, zuallererst dem der Sozialisten. Sie waren und sind kein ernst zu nehmender Gegner, ebenso wenig wie die linksliberalen Parteien oder am rechten Rand Jobbik.
"Du musst die Basis unter Strom halten. Ihr den Grund geben, wieder rauszugehen am nächsten Wahltag", riet Finkelstein seinem Assistenten zufolge. Und so wurde die bereits Anfang der 10er Jahre erzählte Geschichte vom "Großkapital", das sich gegen die Ungarn verschworen habe, wieder aufgewärmt.

Der Schuldige hat nun einen Namen

Damals waren es Weltbank, EU und Internationaler Währungsfonds, die dem Land infolge der Finanzkrise harte Sparprogramme auferlegten. Dazu kam eine Kreditkrise, mitausgelöst durch österreichische Banken, die den Kunden Fremdwährungskredite andrehten. Als der Kurs des Schweizer Franken in die Höhe schoss, konnten viele Bürger ihre Schulden nicht mehr bedienen.

Finkelstein hatte die Idee, dem verhassten, aber durch seine Anonymität unangreifbaren "Großkapital" einen Namen zu geben: den von Soros.

Die ersten Angriffe erfolgten 2013, Ziel waren Organisationen, die von den Open Society Foundations Gelder erhielten – aber auch von Staaten wie Norwegen, die Interesse am Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen hatten. Zwei Jahre später kamen hunderttausende Personen nach Europa, Flüchtlinge ebenso wie Wirtschaftsmigranten. Aus Soros’ Essay, wonach die EU-Staaten einen "gemeinschaftlichen Plan" im Umgang mit der Krise verfolgen müssten, machte Ungarn den "Soros-Plan" – dem zufolge der Milliardär Europa mit Muslimen fluten will und seiner christlichen Identität berauben möchte.

40 Millionen Euro kostete Ungarns Anti-Soros-Kampagne alleine 2017, als die Regierung eine "Nationale Konsultation" zu Soros ausrief. Soros’ Stiftung gab hingegen im Jahr zuvor nur rund ein Zehntel aus. Das Feindbild selbst äußerte sich kaum zu den Vorgängen in Ungarn: "Je mehr er zurückgeschlagen hätte, desto mehr hätte er ja unsere Behauptung gestützt, er mische sich in die Politik ein", sagt Birnbaum.
Ungarn ist heute ein Land mit einer gegängelten Zivilgesellschaft. Die renommierte Universität CEU, von der Stiftung finanziert, hat ihren Abschied Richtung Wien verkündet. Und viele kritische Geister haben in den Orbán-Jahren das Land verlassen.

Die Kampagne ist zum Vorbild für Politiker und Verschwörungstheoretiker auf der ganzen Welt geworden. Darauf zielte auch FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus ab, der von "stichhaltigen Gerüchten" für den "Soros-Plan sprach. Auf Webseiten und in sozialen Medien wird der Hass weitergetragen, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. 2018 erhielt Soros eine Briefbombe. Kurze Zeit später tötete ein Mann in den USA elf Menschen in einer Synagoge. Er fabulierte online von einer "Soros-Karawane".

"Unsere Kampagne hat keinen zum Antisemiten gemacht, der es nicht schon vorher war", verteidigt sich Birnbaum. Es habe sich um ein "rein ideologisches" Projekt gehandelt. Orbán selbst habe sich laut "Das Magazin" nie klar über die Rolle der Berater geäußert, seine Sprecher verweigerten auf Nachfrage die Antwort