Nur in der Zwischenkriegszeit, zwischen 1920 und 1939, rückte die Provinz unversehens ins Zentrum, weil Polen das Gebiet um den eigentlichen historischen Herrschaftssitz annektiert hatte. In der ersten litauischen Republik war Kaunas die Hauptstadt, heute kommt wieder Vilnius, vormals Wilna genannt, diese Ehre zu, wie im Großteil der langen Geschichte Litauens. Sein 1000-jähriges Bestehen feierte das Land Anfang Juli - 1009 wurde es in den Quedlinburger Annalen in einem Bericht über einen getöteten Erzbischof erstmals erwähnt.

Im Mittelalter reichte das litauische Großfürstentum bis an das Schwarze Meer, es folgten eine Personalunion mit Polen und mehrfache russische Besatzung. Die wechselvolle Geschichte hat Vilnius ein reiches architektonisches Erbe hinterlassen, und seit die Altstadt 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde, wurde dieses ins rechte Licht gerückt. Nur in manchen Hinterhöfen ist noch der einstige Verfall zu spüren, die Fassaden der zahlreichen Barockkirchen und anderer historischer Gebäude wurden herausgeputzt.

Die 550.000-Einwohner-Stadt präsentiert sich als Metropole europäischen Zuschnitts, mit jugendlichen Skateboardern auf dem weiten Platz vor der Kathedrale und mit Lokalen, die bis zwei Uhr früh offen haben. Manche Autos, die hier verkehren, würden auch nach westlichen Maßstäben als teuer gelten. Und an den Ufern von Neris und Vilnia, der beiden Flüsse, die hier zusammenfließen, stehen moderne Gebäude als sichtbare Zeichen in- und ausländischer Investitionen.

Diese wurden seit 2001 getätigt, als das Land Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent aufwies. Aber die Zeiten des großen Booms sind vorbei. Dass die Immobilien- und Kreditblase platzte, machte den baltischen schon vor anderen Ländern zu schaffen, der Abschwung setzte bereits zu Beginn 2008 ein. Heuer droht Litauens Wirtschaft ein Wachstumsminus von 16 Prozent. Die Arbeitslosenrate liegt mittlerweile bei mehr als 14 Prozent. Die Mitte-Rechts-Regierung reagiert mit Sparmaßnahmen und gleichzeitigen Steuererhöhungen: Im Jänner wurde die Mehrwertsteuer von 18 auf 19 Prozent erhöht, im Juli wurde sie weiter auf 21 Prozent heraufgesetzt.

Umstrittene rigorose Sparmaßnahmen

Nicht nur die Opposition, die den heimischen Konsum gefährdet sieht, protestierte dagegen, auch einige Abgeordnete der Regierungskoalition scherten aus, was zunehmende Unzufriedenheit mit dem Sparkurs signalisiert. Ministerpräsident Andrius Kubilius steuert trotzdem weitere Verschlechterungen der Sozialleistungen an, etwa eine Erhöhung der Sozialbeiträge und Pensionskürzungen. Das laufende Budget wurde heuer schon zweimal nach unten korrigiert, die Einnahmen werden auf sechs Milliarden Euro geschätzt.