Wenn der politische Wille vorhanden sei, könne dies relativ rasch geschehen, sagte Gusenbauer. Auf die Frage, ob Polen isoliert sei, meinte der Kanzler, "zusätzliche Freunde haben sie keine gewonnen". Andererseits müsse man aber den Eindruck vermeiden, dass jemand isoliert sei. "Das ist für die europäische Einigung nicht gut". Daher werde man alle auf die polnischen Vorschläge bezogenen Argumente abwägen, gemeinsame Lösungen finden und nicht jemanden ins Eck stellen".

Den jüngsten Vorschlag Seitens Polens, bei der Stimmgewichtung die derzeit gültige Regelung zu verlängern, hält Gusenbauer für nicht zielführend. "Das ist schon im Vorfeld öfter diskutiert worden, aber der Vorschlag hat nicht wirklich gegriffen".

Was die Probleme Großbritanniens mit der Grundrechtecharta betrifft, bekräftigte Gusenbauer, dass der britische Premier Tony Blair "sich einmal anschaut, wie das mit Polen aussieht". Es gebe noch einige Schwierigkeiten, aber die gestrige Diskussion habe gezeigt, "in welche Richtung die ganz große Mehrheit bei der Grundrechtecharta" gehe.

Schon davor hatte Gusenbauer im "ZDF-Morgenmagazin" zur Materie Stellung bezogen und den Versuch des polnischen Premiers Jaroslaw Kaczynski, die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zum Argument für ein höheres Stimmgewicht des heutigen Polens innerhalb der EU umzumünzen, als "absurd" bezeichnet. Gusenbauer wörtlich: "Das ist ein absurder Vorgang und hat Kopfschütteln auf allen Seiten hervorgerufen."

Die Aussagen Kaczynskis hatten bereits am Donnerstag auf dem Brüsseler EU-Gipfel allerorten Befremden ausgelöst. Der polnische Regierungschef hatte bereits am Dienstag im staatlichen polnischen Hörfunk gesagt: "Wir verlangen nur, was uns genommen wurde. Wenn Polen nicht die Jahre 1939 bis 1945 durchgemacht hätte, hätte es heute eine Bevölkerung von 66 Millionen, wenn man demographische Kriterien anwendet."

Für Gusenbauer ist das "eine absurde Bemerkung, es hat überhaupt keinen Sinn, hier wieder Gräben der Geschichte aufzureißen". Schließlich, erinnerte der Kanzler im ZDF, sei die EU ja ganz im Gegenteil auch auf Grund der tragischen Ereignisse in Europa entstanden.

Was den ebenfalls heftigen Widerstand des britischen Premiers Tony Blair gegen wesentliche Teile des EU-Vertrages betrifft, zeigte sich Gusenbauer nichtsdestotrotz optimistisch: "Blair ist sehr geschickt,", meinte der Kanzler, "er wartet ab, ob es vorher mit Polen eine Lösung gibt. Dann kann er noch immer versuchen, im Windschatten einige seiner Anliegen durchzusetzen. Aber ich glaube nicht, das Blair mit einem anti-europäischen Signal den Gipfel verlassen möchte."

Höchstes Lob spendete Gusenbauer für die Vorbereitung des Gipfels durch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im Allgemeinen und Kanzlerin Angela Merkel und ihren Außenministers Frank-Walter Steinmeier im Besonderen: "Wir wären nicht so weit gekommen, wenn sie nicht so vernünftig gearbeitet hätten."