Rom. In der "Vatileaks"-Affäre drohen dem früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, bis zu vier Jahre Haft. Dies teilte der Staatsanwalt beim vatikanischen Berufungsgericht, Giovanni Giacobbe, am Donnerstag im Vatikan mit. Am Samstag beginnt vor dem Vatikan-Gericht der Prozess gegen Gabriele, dem schwerer Diebstahl vorgeworfen wird. Angehörigen zufolge ist der Angeklagte Vertrauten zufolge "sehr bedrückt".

Paolo Gabriele. - © APAweb/epa/Claudio Peri
Paolo Gabriele. - © APAweb/epa/Claudio Peri

Es handelt sich um einen der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte des Vatikans. Bisher war noch nie ein enger Mitarbeiter des Papstes mit derart gravierenden Vorwürfen konfrontiert worden. Vom Tatbestand her weicht der Prozess nicht von anderen Verfahren am vatikanischen Gericht ab, das sich hauptsächlich mit Taschendieben auf dem Petersplatz beschäftigen muss.

Gabriele drohen sechs Monate bis drei Jahre Haft wegen schweren Diebstahls, berichtete Staatsanwalt Giacobbe. Sollte das Gericht erschwerende Umstände berücksichtigen, könnte die Strafe auf vier Jahre Haft steigen. Gabrieles Geständnis genüge allein aber nicht für eine Verurteilung. Giacobbe betonte, dass Papst Benedikt XVI. das Gerichtsverfahren nicht beeinflussen könne. Er könne sich jedoch für die Begnadigung Gabrieles einsetzen, sollte dieser verurteilt werden. Mit Gabriele muss sich ein zweiter Angestellter, Claudio Scopelliti, verantworten, der als Informatiker für das Staatssekretariat des Vatikans gearbeitet hat. Ihm wird Beihilfe vorgeworfen.

Der Prozess wird von einem dreiköpfigen Richtersenat geführt. Neben dem Präsidenten des vatikanischen Gerichts, Giuseppe Dalla Torre, werden die Richter Paolo Papanti Pelletier und Venerando Marano Platz nehmen. Die Anklage vertritt der vatikanische Staatsanwalt Nicola Picardi, der die Ermittlungen geführt hat. Der Bericht der Kardinalskommission, die die Ermittlungen um die veruntreuten Dokumente des Papstes führte, wird nicht zu den Prozessakten zählen, berichtete Giacobbe.

Prozess könnte wochenlang dauern
Laut Giacobbe könnte der Prozess mehrere Wochen dauern. Es müssten nämlich mehrere Zeugen einvernommen werden, deren Namen nicht bekanntgegeben wurden. Gerüchten zufolge könnte der Prozess während der am 6. Oktober geplanten Bischofssynode in Rom enden. Wenn nicht, wird er während der Zeit der Synode ausgesetzt und später weitergeführt.

Gabriele war im Mai festgenommen worden und verbrachte 53 Tage in Untersuchungshaft. Danach wurde er unter Hausarrest gestellt. Ihm wird vorgeworfen, vertrauliche Dokumente vom päpstlichen Schreibtisch entwendet zu haben, von denen einige brisante in die Medien gelangten. Darunter waren Unterlagen zu einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst und zu umstrittenen Geschäften der Vatikan-Bank IOR. Im Zuge der Ermittlungen wurden bei Gabriele nicht nur Dokumente sichergestellt. Auch ein auf Benedikt ausgestellter Scheck über 100.000 Euro, sowie weitere an den Papst gerichtete Geschenke wurden in der Wohnung des Kammerdieners gefunden.

Familienangehörige und Freunde sorgen sich unterdessen um den psychischen Zustand Gabrieles. "Paolo ist psychisch sehr bedrückt. Unmittelbar vor dem Prozess begreift er immer mehr, dass seine Tat seine ganze Familie belastet. Sie zahlt einen hohen Preis für Gabrieles Handeln", zitierte die italienische Nachrichtenagentur ANSA einige mit dem Ex-Kammerdiener vertraute Personen. Gabriele sorge sich vor allem um seine drei Kinder. Angesichts des Medienrummels hoffe die Familie auf einen schnellen Prozess und eine Begnadigung durch den Papst, berichtete ein Freund Gabrieles.