Belfast. Polizei und Demonstranten lieferten sich auch in der Nacht auf Dienstag Straßenschlachten in der nordirischen Hauptstadt Belfast. Britische Medien berichteten, dass die Demonstranten mit Ziegeln, Brandsätzen, Farbbomben und Feuerwerkskörper gegen die Polizei vorgingen. Die Ordnungskräfte setzten Wasserwerfer und Gummigeschoße gegen die Randalierer ein.

Rund tausend Menschen protestierten am Montagabend zunächst friedlich vor dem Rathaus, während der Stadtrat erstmals wieder seit seinem umstrittenen Flaggen-Beschluss tagte:  Der von pro-irischen Politikern dominierte Stadtrat hatte beschlossen, die britische Flagge nicht mehr jeden Tag auf öffentlichen Gebäuden wie dem Rathaus wehen zu lassen, sondern nur noch an wenigen Tagen im Jahr. Dagegen wehren sich pro-britische Protestanten, die eine Loslösung von Großbritannien befürchten und darin ein zu großes Zugeständnis an die nach einem vereinten Irland strebenden katholischen Republikaner sehen. Die ständige britische Flagge auf dem Rathaus ist eine 100 Jahre alte Tradition.

Brennende Barrikaden

Zu den neuerlichen Ausschreitungen kam es, als rund 250 pro-britische Protestanten auf dem Rückweg vom Rathaus auf katholischen Republikaner stießen. Die Polizei versuchte, beide Gruppen auseinanderzuhalten – und geriet zwischen die Fronten. Die pro-britischen Demonstranten errichteten eine Barrikade und steckten sie in Brand. Erst gegen 22.00 Uhr Ortszeit sei wieder Ruhe eingekehrt, berichtete die Nachrichtenagentur PA.

Beratungen von Politikern und Kirchenvertretern darüber, wie die Gewalt gestoppt werden könnte, waren bisher erfolglos. Robin Newton von der protestantischen Democratic Unionist Party (DUP) rief zu Besonnenheit auf. "Wir müssen einen Weg finden, um da herauszukommen, aber wie wir das machen, weiß ich nicht", sagte er und verwies darauf, dass von den Demonstranten keine klaren Forderungen erhoben würden. Michael Copeland von der ebenfalls protestantischen Ulster Unionist Party (UUP) sagte, es gebe unter den Demonstranten keinen Ansprechpartner.

Schüsse auf Polizisten

Polizeichef Matt Baggott warf der paramilitärischen Ulster Volunteer Force vor, die Gewalt zu steuern. Bereits seit Donnerstag hatte es in den Nächten in Belfast Ausschreitungen mit teils mehreren hundert Demonstranten gegeben. Nach Angaben der Polizei wurden bisher mehr als 50 Beamte verletzt, zudem gab es 70 Festnahmen. Einige Beamte berichteten, sie seien von Demonstranten unter Beschuss genommen worden. Ein 38-jähriger Mann wurde wegen des Verdachts auf versuchten Mord festgenommen.

In drei Jahrzehnten gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen London-treuen Protestanten und den nach einem vereinten Irland strebenden Katholiken wurden rund 3.500 Menschen getötet. Mit dem Friedensabkommen vom Karfreitag des Jahres 1998, das die Machtteilung zwischen Protestanten und Katholiken vorsieht, wurde der Nordirland-Konflikt weitgehend beendet.