Beppe Grillo im "Wiener Zeitung"-Interview. - © L. Faccio/Planetnext
Beppe Grillo im "Wiener Zeitung"-Interview. - © L. Faccio/Planetnext

Die Villa des derzeit wohl bekanntesten italienischen Politikers - oder ist er Post-Politiker? - liegt auf einem Hügel im Viertel von Sant’Ilario in Genua. Der Taxifahrer ist erstaunt, als er hört, wohin die Reise geht: zu Beppe Grillo, dem Komiker, Blogger und Neo-Politiker, der mit seiner 5-Sterne-Bewegung bei den Parlamentswahlen in Italien auf Platz zwei in der Wählergunst - sowohl in der Abgeordnetenkammer als auch im Senat - landete. Er habe ihn nicht gewählt, meint der Taxler, doch das nächste Mal würde er das tun. Der Grund: Er sei uno dei nostri, "er ist einer von uns". Bevor wir überhaupt die erste Frage stellen können, legt der 65-Jährige schon los.

Beppe Grillo: Ich heiße Giuseppe Grillo, werde "Beppe" genannt, ich bin aus Genua, Italien, und ich bin allerlei "Ex", vor allem aber ein Ex-Komiker. Man nennt mich auch Populist, Demagoge, Utopist, links, rechts, Mitte - noch hat man sich nicht auf eine Definition einigen können. Man hat versucht, mich einzuordnen, aber man hat noch nicht verstanden, wer ich wirklich bin.

In Österreich weiß man nicht, wer ich bin, oder? Ich erkläre euch das jetzt: Liebes österreichisches Volk, ich bin ein einfacher Bürger, der sehr bekannt wurde, weil er einen populären Beruf hatte. Irgendwann habe ich beschlossen, meine Tätigkeit zu beenden, um das, worüber ich auf der Bühne gesprochen habe - Elektroautos, Mobilität, neue Technologien - in die Politik zu bringen. Die Fünf Sterne-Bewegung ging also aus einem Traum hervor, der einmal meiner war und heute von acht Millionen Italienern geträumt wird. Ein Traum, in dem die Politik auf den Kopf gestellt wird: Die Bürger sind der Staat - ohne von irgendjemandem vertreten zu werden. Die Parteien in Italien liegen darnieder, aber nicht ich habe sie vernichtete, das war der Lauf der Geschichte. Und das Internet. Sie wollen zwar mir die Schuld geben, ich habe aber nur die Zeit beschleunigt. Ich stehe außerhalb der Geschichte. Rechts, links, Mitte: Diese politische Etikettierung, das ist doch alles nichts mehr. Die Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) ist eine Bewegung, die aus Ideen besteht und von Bürgern geschaffen wurde. In nur drei Jahren haben wir uns zur stärksten Einzelpartei in Italien entwickelt. Das ist ein großer Traum, der in Erfüllung geht. Das ist Grillo: Einer, der einer Bewegung sein Gesicht geborgt hat, um die Welt zu verändern, nicht nur Italien, und zwar mit Ideen über Politik, Wirtschaft und Energie. Ein neuer Gedanke, das ist die M5S.

Beppe Grillo kündigt an,...
Beppe Grillo kündigt an,...

"Wiener Zeitung": Danke für die Werbedurchsage. Wie wär’s mit ein paar Fragen: Warum haben Sie den Chef der sozialdemokratischen Partito Democratico, Pier Luigi Bersani, nicht bei der Regierungsbildung oder eine von ihm geführte Minderheitsregierung unterstützt?

Beppe Grillo: Die italienische Politik lässt sich von Eurer Warte aus nicht so leicht verstehen: Herr Bersani, ich nenne ihn "Gargamel" (der böse Zauberer der Schlümpfe, Anm.), hat nie versucht, mit der Fünf-Sterne-Bewegung eine Regierung einzugehen. Für die Linke gibt es uns gar nicht, wir sind für sie einfach "die mit den Computern". Dabei sind wir als stimmenstärkste Einzelpartei aus der Wahl hervorgegangen - und trotzdem blicken sie abschätzig auf uns herab. Bersani hat uns nicht darum gebeten, mit ihm zu regieren - er hat uns um unsere Stimmen gebeten. Das ist ein Unterschied. Sein Angebot lautete also ungefähr so: "Gib mir die Stimmen deiner Senatoren, aber ihr bleibt trotzdem draußen." Bersani hat uns also ziemlich an der Nase herumgeführt. Er wusste, dass wir ablehnen würden, aber er hat weiter insistiert, um am Ende uns die Schuld in die Schuhe zu schieben, wenn die Demokratische Partei (PD) eine Koalition mit dem psiconano, dem "Psycho-Zwerg" Silvio Berlusconi, einzugehen. Er hat aber in Wirklichkeit nie vorgehabt, uns in die Regierung einzubinden.

... den neuen italienischen Premierminister Enrico Letta in Sachfragen zu unterstützen und Silvio Berlusconi und seine PdL "nach Hause" zu schicken. - © Luca Faccio/Planetnext
... den neuen italienischen Premierminister Enrico Letta in Sachfragen zu unterstützen und Silvio Berlusconi und seine PdL "nach Hause" zu schicken. - © Luca Faccio/Planetnext

Wir haben ihm sogar drei Vorschläge gemacht. Erstens, dass er die öffentlichen Gelder zurückgeben soll - so wie wir auf die Rückerstattung der 42 Millionen Euro Wahlkampfkosten verzichtet haben. Die Linksdemokraten haben 48 Millionen erhalten - er soll also einen Scheck in die Hand nehmen und das Geld zurückgeben. Zweitens: Lass uns gemeinsam an einem Gesetz gegen Berlusconis Interessenskonflikte arbeiten. Drittens: Reformieren wir das Wahlrecht in Italien, das einfach widerwärtig ist. Auf diese Vorschläge hat er nicht einmal geantwortet.

Sie wollten nicht mit Bersani zusammenarbeiten, jetzt ist der Sozialdemokrat Enrico Letta im Amt, allerdings mit Leuten von Berlusconi - was erwarten Sie sich von ihm, was sagen Sie zu der Koalition?

Letta repräsentiert genau gar nichts. Wenn überhaupt, dann repräsentiert er Interessen - jene der Banken, Europas, der EZB. Unser Wirtschaftssystem wird auch weiterhin nur von den Banken bestimmt werden. Selbst unser neuer Wirtschaftsminister unter der Regierung Letta ist ein Banker. Die Wirtschafts- und die Finanzwelt wird also weiterhin vermischt werden. Währenddessen investiert Italien - wie überall in Europa - weiterhin in Kohle, Atomenergie oder chemischen Pflanzenschutz und pumpt damit Geld in Dinge, die noch aus den Siebzigern stammen. Letta steht also, wenn überhaupt, dann dafür, dass Italien noch ein Jahr mehr geraubt wird.