Es ist ein verdächtig ruhiger Montagmorgen gewesen im Istanbuler Stadtteil Taksim. Doch der Schein trügt. Die angespannte Situation der letzten Tage liegt noch in der Luft. Der Taksim-Platz, der leer geräumt und gesäubert wurde, ist zwar wieder für Fußgänger freigegeben, doch man überlegt sich zweimal, ihn zu betreten.

Das Areal, sprich der Gezi-Park, der Taksim-Platz und die umliegenden Straßen, das viele Augenzeugen nach Anordnung der gewaltsamen Stürmung der Polizei durch den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan als "Kriegsgebiet" bezeichnet hatten, hat etwas Beängstigendes und wird von der Polizei durch Absperrungen kontrolliert.

Abseits des Gebiets warnen Anrainer vor allem Kinder, ältere Menschen, schwangere Frauen und Touristen, das "Kriegsgebiet" zu betreten.

"Yok, yok iyi" (Nein, nicht gut), hört man immer wieder aus den geöffneten Fenstern vor einem Betreten des Platzes warnen. Dass die Demonstranten nach der Räumung am Samstag beigeben, ist aber ausgeschlossen. Längst treffen sie sich in der Umgebung und halten Besprechungen ab. Erdogan, der weiterhin auf Härte und Gewalt gegen das "Gesindel" und die "Terroristen" setzt, wird indes von seinen Anhängern als Held gefeiert.

Die Eigendynamik, die sich in den vergangenen Tagen im Konflikt entwickelt hat, ist beachtenswert. Längst geht es nicht mehr nur um die Erhaltung des Parks, dessen geplante Zerstörung der Auslöser für den Konflikt gewesen war, sondern um ein Aufbegehren gegen die Regierung Erdogan. Vier Tote und Tausende Verletzte sind das bisherige blutige Zertifikat der Auseinandersetzung.

Spuren hinterlassen hat der Konflikt auch in der Istiglalstraße, die direkt an den Taksim-Platz grenzt. Im Schnellrestaurant "Burger King" bestellen die überwiegend jungen Menschen nicht nur Essen, sondern sie tauschen sich über Notfallpläne aus. "Wenn es wieder nach Tränengas riecht einfach die Türen schließen, auf den Boden legen, die Masken aufsetzen und ruhig bleiben", erklärt ein Mann einer Gruppe von Jugendlichen. Ein paar Geschäfte weiter unterhalten sich einige Touristen im Adidas-Shop über die unterschiedliche Qualität von Schutzmasken. Masken, Helme und Ähnliches finden derzeit einen hohen Absatz.

Umliegende Cafés haben ihre Keller und Hintertüren geöffnet und erklären, wohin man im Falle des Falles flüchten könne. Denn die Polizei kennt nach den Erfahrungen der Demonstranten kein Erbarmen. Sie verfolgte die oft nur mit Shorts und T-Shirts bekleideten Menschen mit Tränengas und Wasserwerfern und scheute sich nicht, sie aus nächster Nähe anzugreifen.

"Erdogan hat gesagt, die westlichen Medien zeigen ein verzerrtes Bild der Türkei. Was sollen sie denn zeigen, wenn die Menschen seit Tagen Tränengas in ihren Atemwegen haben und brutal misshandelt werden?", empört sich eine britische Touristin, die sich in der Apotheke mit allerlei Mitteln eindeckt. "Man weiß ja nie", meint sie genervt.

Hupkonzerte und Beifall für die Demonstranten, auch in den Shops, rufen ständig in Erinnerung, dass es jederzeit wieder "losgehen könnte". Der trügerisch ruhige Morgen ist der Mittagssonne gewichen. "In ein paar Stunden werden wir wieder Horror und Barbarei erleben", erklärt ein Straßenverkäufer und zündet sich eine Zigarette an.