Istanbul. Mit der Verhaftung von dutzenden Verdächtigen hatte am 17. Dezember jener Korruptionsskandal begonnen, der die Türkei bis heute in Atem hält. Die Affäre, die bis in höchste Kreise der Regierungspartei AKP reicht, hatte auch Premier Recep Tayyip Erdogan massiv in Bedrängnis gebracht.

Seit dem Aufkommen der Korruptionsvorwürfe hatte Erdogan diese immer wieder als Komplott des in Justizkreisen stark verankerten islamischen Predigers Fethullah Gülen gebrandmarkt, der in den vergangenen Jahren vom Weggefährten zum erbitterten Rivalen geworden ist. Tausende unliebsame Polizisten und Justizmitarbeiter wurden zwangsversetzt, um der "Verschwörung dunkler Kräfte" zu begegnen.

Dass Erdogan angesichts dieser Vorzeichen wenig Interesse daran hat, dass die Affäre noch einmal in aller Breite ausgerollt wird, liegt auf der Hand. Einigermaßen überraschend hat das türkische Parlament, in dem die AKP die absolute Mehrheit stellt, nun aber dennoch einem Untersuchungsausschuss gegen vier frühere Minister zugestimmt.

Im Mittelpunkt steht dabei der Vorwurf, ein iranischstämmiger Geschäftsmann habe sich mit Schmiergeldern die Unterstützung von Regierungsmitgliedern für Goldgeschäfte mit dem Iran gesichert. Die vier Minister weisen alle Anschuldigungen von sich. Am Montag sprach etwa der ehemalige Wirtschaftsminister Zafer Caglayan im Parlament von einer systematischen "Verleumdungskampagne".

Die Abgeordneten der Opposition, die Caglayan während seiner Verteidigungsrede den Rücken zudrehten, fürchten allerdings, dass der vier Monate dauernde Ausschuss von der AKP missbraucht werden könnte: Neun von 15 Mitgliedern im Untersuchungsgremium werden von der Regierungspartei gestellt. Die CHP, die größte Oppositionspartei der Türkei, hat daher bereits angekündigt, die Korruptionsaffäre auch vor das Verfassungsgericht bringen zu wollen.