Kiew/Wien. Hoffnung für ein Land im Bürgerkrieg: Die Ukraine hat die erste Finanzspritze des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten. Die Zentralbank in Kiew teilte am Mittwoch mit, dass eine Tranche in Höhe von 3,2 Milliarden Dollar am Dienstag eingegangen sei. Gut eine Milliarde legt die Zentralbank nach Angaben ihres Sprechers als Währungsreserve zurück, der Rest fließt in den Staatshaushalt.

Der IWF hat der Ukraine insgesamt 17 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zwei Jahren zugesagt. Im Falle einer Abspaltung des Ostens geht die Washingtoner UN-Finanzinstitution davon aus, dass Kiew noch mehr Unterstützung benötigt. Die Finanzhilfen sind allerdings an Reformzusagen der ukrainischen Führung, etwa an eine Erhöhung des Gaspreises, gekoppelt - eine unpopuläre Maßnahme, die die Autorität der Regierung in Kiew weiter untergraben könnte.

Die ist bereits jetzt geschwächt - auch bei ausländischen Investoren. Die schweren Unruhen im Land am Dnjepr haben den Geschäftsleuten, die in der Ukraine tätig sind, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Jedes fünfte ausländische Unternehmen in der Ukraine will seine Niederlassung in dem Land reduzieren - das geht aus einer Befragung hervor, die die Oesterreichische Kontrollbank (OeKB) unter 400 Entscheidungsträgern von Firmen mit Sitz in Wien, die in Mittel- und Osteuropa tätig sind, gemacht hat. Fast die Hälfte der Unternehmen beurteilt die aktuelle Geschäftslage in der Ukraine negativ, der Teil-Index der Geschäftserwartungen für die nächsten Quartale hat sich um 17,3 Punkte auf 59,5 verschlechtert, den niedrigsten Wert seit dem Krisenjahr 2009. In keinem anderen Land in Mittel-Osteuropa hat sich das Geschäftsklima so stark abgekühlt. Auch für Russland, den zweiten Hauptakteur in der Ukraine-Krise, erwarten die Investoren für die nächsten zwölf Monate nichts Gutes. Mit dem aktuellen Geschäftsverlauf in Russland sind sie aber zufrieden. Laut der im April durchgeführten Befragung stehen 13 Prozent der Niederlassungen in Russland vor einem Ausbau und nur 5 Prozent vor einer Verkleinerung.

Spannung zwischen Moskau und Wien wegen Lebensmitteln

Zwischen Moskau und Wien ist die Stimmung allerdings derzeit angespannt: Russland hatte kürzlich heimische Lebensmittelimporte stoppen lassen. 15 österreichische Fleischverarbeitungs- bzw. Molkereibetriebe waren davon betroffen. Agrarminister Andrä Rupprechter schickt deshalb kommende Woche einen "Sonderbeauftragten" nach Moskau. Dieser sollte "aufklären", ob der jetzige Importstopp mit der politischen Krise zwischen Moskau und Brüssel wegen der Ukraine zusammenhänge - und "rasch wieder Lieferungen ermöglichen".

Die derzeitige Lage in der Ukraine rechtfertigt die Befürchtungen der Auslandsinvestoren aber in vielen Bereichen noch nicht. "Bis auf die unmittelbaren Krisengebiete im Osten des Landes geht das Geschäftsleben derzeit ganz normal weiter", betont Siegfried Weidlich, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in Kiew, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Tätigkeit der meisten österreichischen Firmen, die meist in der Zentral- und Westukraine um Kiew oder Lemberg tätig sind, werde nicht berührt. Trotz der hochexplosiven und auch wirtschaftlich angespannten Situation - die Prognosen für 2014 erwarten für die Ukraine eine Schrumpfung der Wirtschaft von drei bis sechs Prozent, die Hrywnja verlor gegenüber dem Euro 40 Prozent an Wert - sei die Lage in weiten Teilen des Landes erstaunlich ruhig.

Das bestätigt auch Mykhaylo Banakh, der aus dem westukrainischen Ternopil stammt. "Die Firmen haben immer noch ihre Aufträge", sagte der Projektmanager bei der "International Renaissance Foundation" des Milliardärs George Soros der "Wiener Zeitung". Allerdings verhielten sich die Auftraggeber vorsichtiger: "Man bestellt beispielsweise in kleinerem Umfang oder für einen kürzeren Zeitraum - etwa für einen Monat statt für ein halbes Jahr. Die Firmen wollen sich die Möglichkeit vorbehalten, im Ernstfall abspringen zu können."

Banakh sieht aber auch einen Lichtblick: "Die Steuern kommen rein. Im April hat man überrascht festgestellt, dass der Staat mehr eingenommen hat als erwartet. Nachdem wir kein Wirtschaftswachstum haben, heißt das wohl, dass die Unternehmen dieser Übergangsregierung vertrauen und jetzt auch Steuern zahlen."

Putin fordert Verschiebung von Referendum in Ostukraine

Der russische Präsident Wladimir Putin zeigte sich unterdessen Kiew und dem Westen gegenüber konziliant: Er forderte eine Verschiebung des umstrittenen Referendums über eine Abspaltung von Kiew, das am Sonntag in der Ostukraine geplant ist. Es müssten erst die Bedingungen dafür geschaffen werden. Sofort nach Putins Aufruf betonten die Separatisten, den Vorschlag des Kremlchefs prüfen zu wollen. "Wir haben höchsten Respekt vor Putin", sagte Denis Puschilin, einer der Anführer der von den Separatisten ausgerufenen Volksrepublik Donezk. "Wenn er meint, dass es nötig ist, werden wir das natürlich diskutieren." Putin äußerte seine Forderung nach einem Treffen mit dem derzeitigen OSZE-Vorsitzenden und Schweizer Bundespräsidenten Didier Burkhalter in Moskau. Der russische Präsident gab außerdem bekannt, dass das Militär von der Grenze zur Ukraine abgezogen wurde. Die Nato widersprach daraufhin und sagte, es gebe keine Hinweise auf einen Rückzug der russischen Truppen. Die Kämpfe in der Ostukraine dauerten gestern unvermindert an.