Rom. Silvio Berlusconi vergleicht ihn mit Lenin und Hitler, für Premier Matteo Renzi ist er ein "streitsüchtiger Clown". Doch auch die schärfste Kritik lässt den italienischen Oppositionspolitiker Beppe Grillo, Chef der populistischen Bewegung "Fünf Sterne", kalt. Schließlich spürt der Populist aus Genua vor der EU-Wahl starken Rückenwind.

Seinen Gegnern, die wenige Tage vor den EU-Parlamentswahlen immer nervöser werden, zeigt Grillo die kalte Schulter. Gnadenlos attackiert der Berufskomiker mit dem weißen Lockenkopf die etablierten Parteien und Premier Renzi, den er als "zu verachtendes Produkt" des alten Parteiensystems anprangert. Laut Meinungsumfragen kann Grillos auf Basisdemokratie per Internet ausgerichtete Partei bei der Europawahl auf ein Rekordhoch von 28 Prozent der Stimmen hoffen.

Große Erwartungen
Damit würde der 65-Jährige 20 Parlamentarier nach Straßburg entsenden und sogar die Resultate der Parlamentswahlen 2013 übertreffen, als seine "Fünf Sterne"-Bewegung mit 25 Prozent der Stimmen über Nacht zur stärksten Einzelpartei des italienischen Parlaments aufgerückt war. Damit setzt Grillo den seit Februar amtierenden Jungpremier Renzi unter Druck, der auf einen klaren Wahlsieg seiner Mitte-Links-Kraft "Demokratische Partei" (PD) hofft.

Unermüdlich tourt der Starkomiker durch Italien und propagiert sein Credo. "Wir siegen!" hat er seine Wahl-Tour getauft. Tausende Menschen strömen auf die Hauptplätze der italienischen Städte, um den Wahlappellen Grillos zuzuhören. Dass er Massen zu mobilisieren weiß, beweist Grillo einmal mehr in diesem Wahlkampf, in dem er, jeden Tag auf einer anderen Piazza, stets wild gestikulierend und augenrollend, ins Mikrofon brüllt. Schließlich ist der Populist seit fast 35 Jahren einer der beliebtesten Komiker Italiens.

Druck auf Altparteien

Schon seit Beginn seiner Karriere hatte Grillo in Fernsehshows und Theatern mit Ironie und scharfer Zunge die chronischen Missstände in der italienischen Politik und Wirtschaft angeprangert. Seit 2009 ist er mit der Gründung der "Fünf Sterne"-Bewegung zu einem Schwergewicht jener politischen Szene avanciert, die er zutiefst verachtet und mit seinem fundamentaloppositionellen Kurs abbauen will. Er versprach seinen Wählern, die Macht der alten und korrupten politische Elite einzuschränken. Unter seinem Druck wurden Themen wie Einsparungen in der Politik, Abbau von Privilegien der Führungselite oder Verkleinerung des aufgeblähten Parlaments zu Prioritäten aller etablierten Parteien.

Referendum über Euro

Grillos antieuropäische Slogans irritieren jedoch den jungen Premier Renzi, der auf gute Beziehungen zu Brüssel setzt, um die EU zu überreden, die strengen Sparkriterien aufzulockern. Den Fiskalpakt und das Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts hält Grillo für "Blödsinn", der Euro sei für Italien wie "ein Strick um den Hals". Ein Referendum über den Euro gehört ebenso zu seinem Programm, wie die Einführung von Eurobonds, einem Mindesteinkommen für alle Italiener, sowie eine Senkung des Steuerdrucks.

Das ist Musik in den Ohren vieler von sieben Jahren Krise frustrierter und geschwächter Italiener. Vor allem bei der Jugend, bei der europaweit eine der höchsten Arbeitslosenquote vorliegt, und deren berufliche Zukunftsperspektiven immer ungewisser erscheinen, wächst der Erfolg Grillos. Unter den Jungwählern bis 25 Jahre liegt seine Partei sogar schon bei 40 Prozent; mehr als 30 Prozent darf sie auch in den ärmsten Regionen wie Sizilien oder Sardinien erwarten. Mit 40 und 37 Prozent weit über dem Durchschnitt sind die Fünf Sterne landesweit bei Arbeitern und Arbeitslosen vertreten.

"Wenn in Italien im Gegensatz zu Krisenländern wie Griechenland und Spanien trotz akuter Rezession keine sozialen Revolten ausgebrochen sind, ist dies nur uns zu verdanken. Wir haben den Bürgern klar gemacht, dass mit uns Hoffnung auf eine Erneuerung dieses Landes besteht", meint Grillo. Auf den Vorwurf, er lenke seine Bewegung eher diktatorisch, dass er von seinen Parlamentariern blinde Gefolgschaft verlange und Abweichler unter ihnen gnadenlos ausgewiesen habe, reagiert Grillo gelassen: "Wir sind vielleicht jetzt weniger, aber geschlossener. Nur mit Zusammenhalt kommen wir ans Ziel".