Dieses, derzeit unrealistische, Szenario wird immer wieder reaktiviert. "Es ist hier wie in Rumänien vor zehn bis zwanzig Jahren", sagt Cristian Ghinea. Der rumänische Journalist sitzt vor dem Regierungsgebäude in Chisinau, wo Mädchen im Folklore-Outfit auf ihren Auftritt warten. Am 9. Mai ist auch Europatag, doch um Spannungen zwischen West- und Ost-Sympathisanten aus dem Weg gehen, wurde die EU-Feier auf den 10. vertagt. Ghinea blättert rumänischsprachige Zeitungen durch, die das ostalgische Spektakel zum 9. Mai zynisch kommentieren. 80 Prozent der Fernsehinhalte kämen aus Moskau, auf diese Art sei auch das Gerücht verbreitet worden, bei einem EU-Beitritt müsste Moldaus Bevölkerung zum Katholizismus konvertieren. "Die EU täte gut daran, in Medien in russischer Sprache zu investieren", sagt der Journalist.

Der russische Traum

Auf der anderen Seite der Dnister liegt Transnistrien. Dort stellen Russen und Ukrainer die Mehrheit. Die 30-m²-Wohnung im Plattenbau kostet 150 Euro, die Sozialhilfe beträgt weniger als 20 Euro (monatlich). Das Gas sponsort der große Bruder Russland. Viele sehnen die Sowjet-Zeit zurück, als für das Notwendigste gesorgt wurde.

Der Landstrich, der lediglich von der "Gemeinschaft nicht-anerkannter Staaten" anerkannt wird, hat im Zuge der Krim-Annexion um Beitritt zu Russland angesucht, der 9. Mai wurde mit einer russischen Militärparade gefeiert. Moldau ist gespaltener: Menschen mit dem rot-goldenen St.-Georgs-Band an der Brust und EU-Fähnchen in der Hand flanieren den nach Stefan dem Großen benannten Boulevard entlang, der früher Lenin-Straße hieß. Cretu ist nicht anzutreffen: Sie feiert bei einem Picknick mit ihrer Familie den Europatag - und kuriert ihre Bandscheiben aus.