Moskau. (ce) Mit einer Bemerkung am Rand der Gedenkfeiern zur Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg hat Russlands Präsident Wladimir Putin eine Debatte in seinem Heimatland ausgelöst. Beim kürzlich absolvierten Besuch in der Normandie hatte Putin auf die Bitte eines Kriegsveteranen, die Stadt Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen, geantwortet, die Einwohner sollten darüber selbst entscheiden.

Wenn sie sich bei einem lokalen Referendum für die Rückumbenennung aussprächen, so solle es geschehen. Er habe ja den Namen Stalingrad nicht aufgehoben. "Wir werden uns überlegen, wie sich das machen lässt", fügte er hinzu. Erst vor einem Jahr hatte Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow definitiv erklärt, die Rückumbenennung Wolgograds stehe nicht auf dem Arbeitsplan des Kreml.

Kommunisten und Kirche stellen sich hinter den Plan

Insgesamt passt die Besinnung auf einstige sowjetische Werte nahtlos in das heute vom Kreml vertretene Konzept des Neokonservatismus. Ein Argument für die Rückumbenennung wäre der heranrückende 70. Jahrestag des Sieges der UdSSR über Deutschland im kommenden Jahr.

Der bekannte Politologe Gleb Pawlowski sieht darin vor allem aber den aktuellen politischen Bezug. Putin sei neuerdings gezwungen, einer Deeskalation des europäischen Konflikts zuzustimmen und seine Ukraine-Politik weniger aggressiv zu gestalten. Damit enttäusche er die Erwartungen der neuen "Krim-Mehrheit" der russischen Bevölkerung, der ein "Feldzug auf Kiew" vorschwebe. Die Rückumbenennung Wolgograds wäre ein Ausgleich für die ausgebliebene Aggression in der Ukraine, ein Knochen, an dem die "Krim-Mehrheit" noch lange herumkauen könne.

Als Erste haben die russischen Kommunisten auf Putins Äußerung beinahe euphorisch reagiert. Die KPRF sei schon immer für die Wiederherstellung des historischen Namens der Stadt an der Wolga gewesen, erklärte der Leiter ihrer Rechtsabteilung, Wadim Solowjow. Die Wolgograder Parteiorganisation sei daher bereit, das Referendum tatkräftig zu unterstützen.

Umso überraschender wirkte vor diesem Hintergrund die Reaktion der russischen Kirche, die ebenfalls Sympathien für die Rückbenennung der Stadt erkennen lässt. Stalingrad habe in der heutigen Auffassung mehr mit der Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges zwischen der Sowjetunion und NaziDeutschland und weniger mit Stalin zu tun, heißt es. Sicher sei der Sowjetdiktator ein Verfolger der Kirche gewesen, sagte der Leiter der Auswärtigen Abteilung des Moskauer Patriarchats, Wsewolod Tschaplin. Der "kirchliche Außenminister" erinnerte aber auch daran, dass sich Patriarch und Synod in den letzten Lebensjahren Stalins über diesen "respektvoll" geäußert hätten. Auch heute gebe es viele Priester, Mönche und Gläubige, die positive Momente in Stalins Tätigkeit erblickten.

Entscheidung mit großer symbolischer Bedeutung

Nach der geltenden russischen Gesetzgebung fallen Ortsnamen in die Zuständigkeit der lokalen Behörden. Die Entscheidung über den Namen Stalingrad geht aber weit darüber hinaus. Unter dem großen Entstalinisierer Nikita Chruschtschow wurde nicht nur Stalingrad umbenannt, auch wurde Stalins Leichnam aus dem Lenin-Mausoleum am Roten Platz entfernt.

Die Rückumbenennung Wolgograds würde nicht den Rückfall Russlands in die früheren sowjetischen Zustände schlechthin, sondern in den Stalinismus markieren, schreibt die "Nesawissimaja Gaseta". Bei einem lokalen Referendum lasse sich das gewünschte Ergebnis immer erzielen. Wie jedoch gesamtrussische Umfragen zeigen, wären nur 25 Prozent der Bevölkerung für eine Wiederaufwertung des Namens Stalin, heißt es in dem Artikel.

Angesichts zahlreicher Proteste sah sich Putins Sprecher Peskow am Montag dann zu einem halbherzigen Dementi gezwungen: Der Präsident sei missverstanden worden.