Madrid/Barcelona. "Seit Jahren habe ich auf diesen Moment gewartet. Endlich können wir abstimmen", sagt Josefa. Die 35 Jahre alte Katalanin steht in Barcelona auf dem Schulhof der Antoni Brusi-Grundschule in einer langen Schlange an. Rentner, junge Paaren, Familien mit Kindern werden von freiwilligen Helfern darüber informiert, wo sie sich anstellen müssen.

Der Andrang ist groß und immer mehr Menschen strömen auf den Schulhof. Einige tragen gelb-rot gestreifte T-Shirts mit einem blauen Dreieck. Es handelt sich um die Estelada, die katalanische Unabhängigkeitsflagge.

Fünf Millionen Stimmberechtigte
Fast zwei Millionen Katalanen beteiligten sich bis zum Sonntagabend an der symbolischen Volksbefragung über die Abspaltung ihrer Region von Spanien. Laut der Regionalregierung gaben bis 18.00 Uhr mehr als 1,9 Millionen Wähler über 16 Jahren ihre Stimme ab.

Etwa fünf von insgesamt 7,5 Millionen Einwohnern Kataloniens waren am Sonntag in der nordöstlichen Region Spaniens aufgerufen, ihre Meinung über eine Abspaltung von Spanien zu äußern. Bei der Abstimmung handelt es sich aber nicht um ein Unabhängigkeits-Referendum, wie es im September in Schottland stattfand.

Das spanische Verfassungsgericht hatte ein bindendes Referendum, wie es die katalanische Regionalregierung wünschte, nach einer Klage der spanischen Zentralregierung untersagt. "Doch zumindest können wir heute mit der Volksbefragung beweisen, dass in Katalonien eine große Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist. Wir wollen endlich frei sein", erklärt Josefa. Sie fühle sich vom spanischen Staat sprachlich und kulturell unterdrückt und als Katalanin schikaniert. Konkrete Beispiele für diese Unterdrückung vermag sie allerdings nicht zu nennen.

Soll Katalonien ein Staat werden?
Sie nimmt einen Stimmzettel. Auf ihm stehen zwei Fragen: "Wollen Sie, dass Katalonien ein Staat wird?" Wer hier Ja ankreuzt, muss auch auf die zweite Frage antworten: "Wollen Sie, dass dieser Staat unabhängig ist?" Josefa beantwortet beide Fragen mit "Ja". Am Wahltisch, an dem drei freiwillige Helfer sitzen, zeigt sie ihren spanischen Personalausweis vor und wird in eine Datenbank aufgenommen, damit sie nicht noch einmal in einem anderen Wahllokal ihre Stimme abgeben kann. Dann erst darf sie ihren Stimmzettel in die weiße Urne aus Pappe werfen.