Kiew. Knapp 830.000 Menschen sind über die vergangenen Monate aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine geflohen - die Hälfte von ihnen nach Russland, die andere Hälfte innerhalb des Landes, schätzt das UN-Büro für die Koordinierung von humanitären Angelegenheiten. Seit den umstrittenen Wahlen in der Ostukraine, die von den Aufständischen trotz massiver Kritik aus Kiew und dem Westen organisiert wurden, hat sich die Lage in der Krisenregion erneut verschärft. Die Aussicht auf Frieden ist wieder gesunken. Für hunderttausende Flüchtlinge in der Ukraine schwindet damit auch die Hoffnung, bald in ihre Heimat zurückzukehren.

Für viele ist eine Rückkehr eine existenzielle Frage. Wie für Maksim. Als Koordinator eines ukrainischen Kulturzentrums in der Nähe von Donezk wurde der Mittdreißiger zur Persona non grata im Separatistenstaat. Er floh schon im Frühling nach Kiew, wo er sich seither durchschlägt. "Ich habe keine Wohnung und keine bezahlte Arbeit", klagt er. "Ich habe zwar ein paar Ersparnisse, doch die neigen sich schön langsam dem Ende zu." Solange die Separatisten im Donezker Gebiet herrschen, kommt eine Rückkehr für ihn nicht infrage. "Im Internet wurde ganz unverhohlen damit gedroht, mich umzubringen", sagt Maksim.

Viele Ostukrainer haben ihre Heimat in dem Glauben verlassen, bald zurückzukehren. Auf den Bahnhöfen von Kiew und Lemberg kamen sie in Sandalen, Shorts und Sommerkleidern an, doch jetzt kommt der Winter. "Als wir geflüchtet sind, hat die ukrainische Führung zu uns gesagt: In einem Monat haben wir diese Separatisten erledigt, und dann könnt ihr wieder heim" sagt Gennadij Kobzar, ein IT-Unternehmer aus Donezk. "Wenn man weiß, dass das nur vorübergehend ist - dann stellt man sich darauf ein. Aber wenn aus Wochen Monate werden - oder sogar Jahre? Was dann?"

Die Flüchtlingsströme trafen die ukrainischen Behörden völlig unvorbereitet. Beobachter gehen davon aus, dass eine humanitäre Katastrophe nur durch das Engagement von Freiwilligenorganisationen vermieden wurde. So hätten allein bei der Kiewer Hilfsorganisation "Wostok SOS" 11.000 Flüchtlinge um Hilfe angesucht. Mehr als 7000 Familien wurden bei Privaten untergebracht, erklärt Natalja Udowenko, Mitarbeiterin bei Wostok SOS. Das war ursprünglich freilich nur als Notfalllösung gedacht. Flüchtlingsunterkünfte würden für "maximal zwei Monate" vermittelt, heißt es auf der Homepage der Organisation. Der Konflikt im Osten dauert nun bereits als acht Monate an.