Brüssel/Moskau. (czar/vee/reuters) Von einer Lockerung oder Aufhebung gar ist nicht mehr die Rede: Die Sanktionen gegen Russland werden voraussichtlich verschärft. Denn auf die jüngste Eskalation des Konflikts in der Ukraine müssen die Mitgliedstaaten der EU reagieren. Zu diesem Zweck hat die Außenbeauftragte der Union, Federica Mogherini, bereits ein Sondertreffen der Außenminister einberufen. Am Donnerstag kommen die Politiker in Brüssel zusammen, um über eine Ausweitung der Strafmaßnahmen gegen den Kreml zu beraten.

Ginge es nach einigen osteuropäischen Ländern, hätte die Debatte ein klares Ergebnis: eine Verschärfung der Sanktionen. Dafür plädierte etwa der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski. Die Antwort des Westens auf die Ereignisse der letzten Tage sollte eine harte sein, meinte er. Schon zuvor hatte sein Landsmann, EU-Ratspräsident Donald Tusk, Ähnliches gefordert. Allerdings wählte er dafür schärfere Worte, einer Kriegsrhetorik folgend. "Appeasement", die Politik der Beschwichtigung, habe den Aggressor zu noch größerer Gewalt ermutigt, erklärte Tusk über den Kurznachrichten-Dienst Twitter. Die EU müsste ihre Politik nun auf die Basis "kalter Fakten und nicht von Illusionen" stellen.

Warschau war von Anfang an ein Verfechter einer härteren Gangart gegenüber Russland als etwa Berlin oder Paris. Der französische Präsident Francois Hollande dachte noch vor wenigen Wochen laut darüber nach, unter welchen Umständen die Strafmaßnahmen gegen den Kreml aufgehoben werden könnten. Und Deutschland will sich auch jetzt nicht bedingungslos auf neue Sanktionen einlassen: Niemand sei "blind ehrgeizig" darauf, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Doch räumte er ein, dass eine Offensive in Richtung der Stadt Mariupol und darüber hinaus eine Reaktion erfordern würde.

Der Raketenangriff auf die Hafenstadt Mariupol am Wochenende hat nämlich wieder Befürchtungen genährt, dass die prorussischen Aufständischen eine Landverbindung zur annektierten Halbinsel Krim zu schlagen versuchen. Das wäre ein Anlass, die im Herbst des Vorjahres verhängten Wirtschaftssanktionen der EU noch zu verschärfen, hieß es damals.

Schlüsselstadt Mariupol

Mariupol, die zweitgrößte Stadt im Gebiet Donezk, stand im Frühjahr des Vorjahres eine Zeit lang unter teilweiser Kontrolle der pro-russischen Separatisten, war aber im Sommer von der ukrainischen Armee rückerobert worden. Seither gab es immer wieder kleinere Vorstöße auf die 470.000-Einwohner-Stadt vonseiten der Rebellen.