Donezk/Kiew. (leg) Zwischen den prorussischen Separatisten in der Ostukraine und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hängt der Haussegen schief: Die Rebellen werfen den Beobachtern der internationalen Organisation Parteilichkeit vor. Diese hatten am Wochenende festgestellt, dass der folgenschwere Beschuss der Hafenstadt Mariupol vom Gebiet der abtrünnigen "Donezker Volksrepublik" aus erfolgt war. Damit habe die OSZE gegen ihr Mandat verstoßen, kritisierte Andrej Purgin, Vorsitzender des Donezker "Volksrats". Es handle sich nämlich um eine Beobachtermission, die nicht über konkrete Dinge urteilen dürfe. "De facto sind Vertreter der OSZE in eine Verschwörung mit der ukrainischen Seite getreten", sagte er. Anders als in Mariupol würden OSZE-Vertreter in Donezk stets "verwaschene und nicht auf konkrete Personen bezogene Kommentare" abgeben, heißt es in einer Presseerklärung auf der offiziellen Homepage der "Donezker Volksrepublik".

Die OSZE hatte am Samstag bereits wenige Stunden nach einem Artillerieangriff auf den Mariupoler Stadtteil "Wostotschny", der zumindest 30 Menschenleben gekostet hatte, in einem Bericht festgehalten, dass die jeweiligen Grad- und Uragan-Raketen aus den Dörfern Oktjabrske und Sajtschenko im Nordosten der Stadt abgefeuert worden seien: "Beide Dörfer werden von der ,Donezker Volksrepublik‘ kontrolliert", erklärte die OSZE. Vertreter der Separatisten hatten zuvor versichert, im betreffenden Gebiet über keine Artillerie zu verfügen. Gleichzeitig hatten die Rebellen jedoch den Beginn eines Angriffs auf Mariupol verkündet.

Kritik an den Separatisten übte auch OSZE-Generalsekretär Lamberto Zannier. Die Rebellen würden keine Ausdehnung der Mission an die russische Grenze erlauben. Stattdessen ließen sie die OSZE-Beobachter "oft nur dorthin, wo sie uns haben möchten", meinte der italienische Diplomat in einem Interview. "Damit riskieren wir, dass unsere Mission als Propaganda-Instrument missbraucht wird." Die Rebellen erklärten sich ihrer jüngsten Offensive zum Trotz zu neuen Gesprächen mit Kiew - etwa über einen Gefangenenaustausch - bereit.

Welche Taktik Moskau und die prorussischen Kräfte in der Ostukraine mit ihrer neuen Offensive verfolgen, darüber wird gerätselt. "Ich vermute, dass Russland sich damit eine bessere Ausgangsbasis für spätere Verhandlungen auch mit der EU verschaffen will", glaubt der Politologe Kyryl Savin. Der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew gibt außerdem zu bedenken, dass die derzeitige Frontlinie für die Separatisten oft ungünstig ist. "So liegt etwa das E-Werk, das Luhansk mit Strom versorgt, auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet", sagt Savin. Die Einnahme solch strategisch wichtiger Orte könnte aus Sicht der Aufständischen hier Abhilfe schaffen. Mit einer Einnahme der Hafenstadt Mariupol wäre zudem ein wichtiges Verbindungsstück zur nunmehr russischen Halbinsel Krim erobert. Die Möglichkeit, die Krim auf dem Landweg zu versorgen, würde für Russland näher rücken.

Mehr Hilfen für Ukraine?

Indessen greift Europa der Ukraine unter die Arme: Die EU-Kommission ist von den EU-Finanzministern beauftragt worden, eine Aufstockung der EU-Finanzhilfe für die Ukraine zu überprüfen. Laut Diplomaten hatten einige EU-Staaten eine Aufstockung auf bis zu 2,5 Milliarden Euro verlangt. Derzeit würde die Hilfe 1,8 Milliarden Euro betragen.