Abzug: Die ukrainische Armee musste Debalzewe verloren geben. - © ap/Vadim Ghirda
Abzug: Die ukrainische Armee musste Debalzewe verloren geben. - © ap/Vadim Ghirda

Kiew/Wien. Es sind erneut erniedrigende Ereignisse für die Ukraine: Am Mittwochvormittag musste Präsident Petro Poroschenko eingestehen, dass die Stadt Debalzewe im Osten des Landes im Kampf gegen prorussiche Separatisten nicht mehr zu halten ist. Die Ukraine zog ihre Soldaten, die schon in den vergangenen Tagen immer mehr in die Defensive geraten waren, aus dem Verkehrsknotenpunkt ab. Erschöpft und ohne Waffen stapfen die Regierungseinheiten durch den schmutzigen Schnee, vorbei an zerschossenen Panzern und Bergen von Granaten und Geschosshülsen. Ein paar Soldaten waren schon zuvor von den Separatisten gefangen genommen worden.

Trotz des erst kürzlich neu ausgehandelten Minsker Abkommens, das einen Waffenstillstand zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee festschreibt, ist um Debalzewe in den vergangenen Tagen heftig gekämpft worden. Denn die Stadt ist, besonders für die Separatisten, von immenser strategischer Bedeutung. Debalzewe liegt in der Mitte zwischen den Separatistenhochburgen Donezk und Luhansk und ist eine wichtige Kreuzung von Verkehrsadern. Neben einer Fernverkehrsstraße verlaufen von Russland kommende Eisenbahnlinien nach Donezk durch die Stadt. Die Separatisten brauchen die Stadt für eine bessere Anbindung an Russland.

Der Separatistenführer Alexander Sachartschenko hatte bereits gleich nach den Minsker Verhandlungen gemeint, die vereinbarte Waffenruhe gelte nicht für Debalzewe, da der Ort nicht namentlich erwähnt sei. Rückendeckung erhielt er von Russlands Präsidenten: Ihn hätten die Kämpfe nicht überrascht, meint Wladimir Putin bei einem Besuch in Budapest. Die Anwesenheit ukrainischer Soldaten in Debalzewe sei wie ein "Geschwür" gewesen, das den Friedensprozess erschwert habe.

Ganz anders sieht das die EU: Sie warf den "von Russland unterstützten Separatisten" in Debalzewe "eine klare Verletzung der Waffenruhe" vor. Sollten die Kämpfe anhalten, sei die EU zu einer "angemessenen" Reaktion bereit, sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Damit meinte sie weitere Sanktionen gegen Russland - die Kanada am Mittwoch schon beschlossen hatte, was Moskau verärgerte.

Die Europäer scheinen nun eine doppelgleisige Taktik zu fahren: Einerseits drohen sie Russland und den Rebellen mit Strafmaßnahmen. Andererseits wollen sie das Minsker Abkommen unbedingt retten. Dieses sieht neben dem Waffenstillstand den Abzug schwerer Waffen, Autonomierechte für die Separatisten und die Schaffung eines demilitarisierten Korridors vor.