Es ist nun ein Jahr vergangen, in der Ukraine herrscht Krieg. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage?

Es sieht leider gar nicht gut aus für die Ukraine. Das Problem an der gegenwärtigen Führung ist, dass sie nicht strategisch denken kann. Kiew weigert sich, die alten Eliten - ich meine nicht die Hardliner-Fraktion, sondern die im proeuropäischen Sinn Kooperationswilligen - zu integrieren. Das sind aber jene Politiker, die im Osten des Landes gut vernetzt sind. Deren Hilfe könnte man, wenn man schlau wäre, nutzen, um im Osten aufzuräumen. Das macht man aber nicht. Man setzt diese Leute unter Druck. Es gibt ziemlich willkürliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Man droht Leuten mit Strafe, die im Süden und Osten wichtige Arbeitgeber sind, führt einen Wirtschaftskrieg gegen diese Leute.

Das heißt, es gelingt Poroschenko nicht, das Land zu einen?

Niemand in der Ukraine glaubt daran, dass sich Poroschenko die ganze Amtszeit halten wird. Seine Koalition im Parlament gibt es de facto bereits nicht mehr. Ohne die Stimmen der Opposition hätte Poroschenko viele Gesetze gar nicht durchgebracht. Die eigenen Leute stimmen nicht immer mit. Poroschenko ist ein Getriebener. Die Frage lautet heute, wann lässt Premier Arseni Jazenjuk Poroschenko fallen? Lange kann das nicht mehr dauern.

Und was kommt danach?

In der Ukraine sagt man, nach einer Februarrevolution kommt eine Oktoberrevolution. Die Bataillonskommandeure im Parlament fordern bereits, dass alles verstaatlicht werden soll, dass man den Oligarchen alles wegnehmen sollte und Ähnliches.

Wie denkt man in Brüssel über die Lage in Kiew?

In Brüssel redet man intern ganz anders als in den offiziellen Statements. Nach außen wird Kiew nicht kritisiert, intern sehr wohl. Beispielsweise ist die Korruption heute noch schlimmer als unter Janukowitsch. Unter Janukowitsch haben die Unternehmer einmal gezahlt - übrigens im Laufe seiner Amtszeit immer mehr, was auch ein Grund für den steigenden Unmut war. Jetzt zahlen sie, und am nächsten Morgen steht bereits jemand anderer vor der Tür. Da kann man als Unternehmer nicht mehr kalkulieren. Ein weiteres Problem sind die Freiwilligenbataillone. Die werden beispielsweise vom Oligarchen Ihor Kolomojski, dem Gouverneur von Dnipropetrowsk, bezahlt. Die Hauptaufgabe der Bataillone ist aber gar nicht so sehr der Kampf. Sie schützen vielmehr Kolomojskis Unternehmen und führen gewalttätige Übernahmen fremder Firmen durch. Sie stürmen einfach diese Unternehmen und verjagen die Leute dort, nach dem Mafia-Prinzip. Das ist jetzt möglich.

Das sieht nicht gerade nach einem investitionsfreundlichen Klima aus.

Ganz und gar nicht. Ich kenne niemanden, der jetzt in der Ukraine investieren will. Die geplante große Investorenkonferenz zur Ukraine wird seit September immer wieder verschoben. Es gibt nach wie vor kein Datum, an dem die Konferenz stattfinden wird. Logisch: Es gibt keine Investoren. Und zwar nicht nur, weil in der Ukraine Krieg herrscht, sondern weil das System in Kiew noch korrupter und unberechenbarer geworden ist. Jeder mögliche Investor wird ihnen sagen, ohne glaubhafte Garantien investieren wir dort nicht. Die Ukraine ist durch das, was jetzt passiert ist, um Jahrzehnte zurückgeworfen. Das einzig Positive ist, dass eine Nationsbildung stattgefunden hat. Dafür gibt’s die Ukraine wirtschaftlich als Staat nicht mehr.