Sewastopol. Eine friedliche Stille liegt über der Altstadt von Bachtschyssaraj. Vereinzelt dringt Hundegebell aus den Hinterhöfen, ab und zu knattert ein Auto durch die engen Gassen. Die Frauen räumen ihre Marktstände zusammen, als der Tag langsam in den Feierabend gleitet.

Im 57-jährigen Ilmi Umerow herrscht hingegen keine Ruhe. Sondern Kampf. Nachdem Russland die Krim im Vorjahr annektiert hatte, legte er sein Amt als Bezirksvorsteher von Bachtschyssaraj nieder. Kein Amt unter russischer Flagge, das hatte er sich geschworen. Seine bösen Vorahnungen haben ihn nicht betrogen, wie er heute sagt. "In der Sowjetunion war es nicht so schlimm, wie jetzt", sagt er. "Unsere Leute werden politisch verfolgt, ermordet und verschleppt." Er sitzt in einem Lokal, hinter ihm weht die Fahne der Krimtataren - hellblauer Hintergrund, ein gelbes Symbol - ähnlich einem "T", im linken Eck. Unten in der Talsohle liegt das Minarett im Abendlicht. Umerow ist ein Urgestein der krimtatarischen Politik. Nach der Wende war er ein paar Jahre Vize-Premier der Krim. "In der Ukraine waren wir vor allem beschäftigt, unser kulturelles Erbe zu bewahren. Jetzt geht es schlichtweg um den Schutz unserer Existenz."

Bachtschyssaraj ist das kulturelle Zentrum der Krimtataren - jener turksprachigen, muslimischen Volksgruppe, die unter Stalin als Nazi-Kollaborateure verfolgt und nach Zentralasien deportiert wurde. Erst in den späten Achtziger Jahren hatten sie es sich erkämpft, wieder auf die Krim zurückzukehren. Jetzt werden sie wieder unter Druck gesetzt.

Vor einem Jahr zogen Vertreter der Krimtataren auf die Straße, um gegen die drohende Abspaltung der Krim von der Ukraine zu protestieren. Unter Kiewer Führung wurden die Krimtataren zwar nicht proaktiv unterstützt, aber zumindest hat man ihnen erlaubt, ein Fundament zu schaffen, um sich ein neues Leben aufzubauen. So waren die Krimtataren auch die einzige Gruppe, die vor einem Jahr das Referendum zum Anschluss an Russland boykottierte.

Dafür zahlen sie heute einen hohen Preis: Mehrere Aktivisten werden derzeit wegen "Anstiftung zu Massenunruhen" verfolgt, wenngleich damals selbst aus Moskauer Sicht noch ukrainisches Recht galt. Den Krimtataren-Führern Mustafa Dschemiljew und Refat Tschubarow wird die Einreise auf die Krim verwehrt. Immer wieder sollen bewaffnete Milizen durch Krim-Viertel ziehen, um die Bewohner einzuschüchtern. Krimtataren verschwinden oder werden verschleppt, drei Fälle hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einem aktuellen Bericht dokumentiert. "Sie wollen an uns ein Exempel statuieren", sagt ein junger Krimtatare, der anonym bleiben will. "Jeder, der aufmuckt, wird verfolgt."