Es kämen jetzt zwar weniger Touristen auf die Insel, dafür umso mehr Journalisten, NGO-Arbeiter, Polizisten und Soldaten. "Früher lebten die Menschen von Fischerei, dann vom Tourismus, jetzt immer mehr von der Militär- und Flüchtlingsindustrie", sagt Francesca und dreht sich eine Zigarette. "Die Ökonomie der Insel verändert sich."

Vom Büro der Guardia di Finanza fällt der Blick auf den Hafen; unter einem bewölkten Himmel schaukeln Boote am graublauen Wasser. Comandante Leonardo Gnoffo, ein ruhiger Mann in dunkelblauer Uniform, sitzt aufrecht hinter seinem Schreibtisch: "Die Flüchtlinge gestern Nacht waren in Seenot, ihr Boot war überfüllt." Fünf bis sechs Stunden seien sie am Meer gestrauchelt, bevor die Monte Sperone, ein Patrouillenboot der Guardia di Finanza, etwa 40 Meilen vor der libyschen Küste auf ihr Boot traf.

Minuten entscheiden


Andere hatten nicht so viel Glück. Comandante Gnoffo zeigt ein Video auf seinem Handy: Ein Schlauchboot am offenen Meer, gefilmt von einem Flugzeug aus. Etwa 50 Menschen drängen sich aneinander, am Heck des Bootes läuft Wasser ein. "Die meisten können nicht schwimmen", sagt er und stoppt das Video. "Wenn nicht binnen 30 Minuten ein Schiff da ist, sind alle ertrunken." Und nach einer Pause: "Aufgrund der Größe des Areals, der Anzahl der Flüchtlinge und des Zustands der Boote können wir davon ausgehen, dass es weit mehr Tote gibt als bekannt." Möwen kreisen über einem Fischkutter. Die Wellen tragen weiße Kronen aus Gischt. "Die See ist rau", sagt Gnoffo. "Hoffentlich fahren heute keine Boote von Libyen los."

Das oft überfüllte Aufnahmezentrum für Flüchtlinge liegt etwas außerhalb der Stadt. Soldaten bewachen die Einfahrt; Zugang nur mit Genehmigung der Präfektur in Agrigent. Hinter dem Zaun im Schatten einer Pinie sitzt ein Dutzend Flüchtlinge. Sie sind letzte Nacht mit dem Schiff der Guardia di Finanza nach Lampedusa gekommen. Einer von ihnen, Danyal aus Eritrea, hellgrünes Hemd, Jeans, Turnschuhe, erzählt: "Dem Schlepper musste ich 1800 Dollar bezahlen. 600 Menschen waren auf dem Schiff."

Dann erzählt er von seiner Reise durch die Sahara. Von seiner Angst, als Mitreisende im Tschad gekidnappt wurden, um von den Familien Lösegeld zu erpressen. Von Hunger und Obdachlosigkeit und vom Warten in Tripolis auf gutes Wetter für die Überfahrt. Und er erzählt von seiner Frau und seinem Sohn Barakat, der fünf Jahre und sechs Monate alt ist. "Ich würde ihnen gerne sagen, dass ich sicher bin nach der gefährlichen Seefahrt, aber ich habe kein Handy."

Dass er auf einer Insel ist, näher an Tunesien als am europäischen Festland, weiß Danyal nicht. Auch nicht, dass ihn morgen die Fähre in ein Lager auf Sizilien bringen wird. Danyal weiß nichts vom Streit Europas über die Frage, welcher Mitgliedsstaat wie viele Flüchtlinge aufnimmt, von den Zeltlagern in Linz und Thalham, die im Schlamm versinken und von Politikern, die Menschen wie ihn als "wertloses Menschenmaterial" bezeichnen. "Ich bin in Europa", sagt Danyal, "und ich bin glücklich."