Barcelona. (wak) "Die Invasoren werden aus Katalonien vertrieben werden."

Dieser Satz fiel vor drei Jahren, anlässlich eines Festaktes des katalanischen Parlaments. Zitiert wurde angeblich ein während der Franco-Diktatur erschossener Journalist namens Carles Rahola. Gesprochen hat diesen Satz im katalanischen Parlament aber Carles Puigdemont, der damit seine Rede beendete. Damals war Puigdemont Bürgermeister seiner Geburtsstadt Girona, einer Stadt im Nordosten Kataloniens, die knapp eine Million Einwohner zählt.

Seit diesem Wochenende ist "Puigi" allerdings nicht mehr Bürgermeister von Girona, sondern Präsident der wirtschaftsstarken Autonomen Region Katalonien.

Und wenn in Katalonien an Franco erinnert wird, dann ist der Pauschalvorwurf an "Madrid", an das kastilische Spanien und die Wasserkopf-Hauptstadt, nicht weit: Dass die Zentralregierungen in Spanien damals wie heute die katalanische Identität unterdrücken. Ein Gefühl, das sich in den vergangenen fünf Jahren im Zuge der Sparpolitik seitens der konservativen Zentralregierung wieder verdichtet hat. Der bis zum Wochenende amtierende katalanische Ministerpräsident Artur Mas von der liberalen und sezessionistischen Partei CDC hat immer wieder die konservative Volkspartei in Madrid für die Austeritätspolitik verantwortlich gemacht. In den Umfragen nahmen die Befürworter der Unabhängigkeit stetig zu, bis Mas erklärte, ein Referendum anzusetzen.

Die Zentralregierung in Madrid protestierte, der Verfassungsgerichtshof erklärte ein derartiges Referendum als Verstoß gegen die Einheit des Landes und damit als Verstoß gegen die Verfassung.

Mas erdachte daraufhin einen Kunstgriff: Er rief Neuwahlen aus und erklärte, das Ergebnis dieser Neuwahlen werde als Ergebnis eines Unabhängigkeitsvotums gedeutet: Sollten also die sezessionistischen Parteien die Mehrheit bekommen, wäre das ein Mandat für die Abspaltung. Mas’ Partei CDC schloss sich dazu mit der linksrepublikanischen ERC-Partei zu einem "Gemeinsam für das Ja" (Junts pel Sí)-Wahlbündnis zusammen, auch Prominente wie der Fußballtrainer Pep Guardiola unterstützten das Wahlbündnis. Tatsächlich erreichten alle sezessionistischen Parteien gemeinsam - wenngleich bei nur 48 Prozent der Stimmen - dank des Wahlsystems die absolute Mehrheit im Parlament. Doch die dritte sezessionistische Kraft im Parlament, die linke CUP, verweigerte Mas aufgrund von Korruptionsvorwürfen die Unterstützung: Angeblich soll Mas in Schmiergeldaffären um Bauprojekte verwickelt sein.

Einig war man sich bei der Verabschiedung einer Resolution im November nur dahingehend, dass Katalonien die Unabhängigkeit anstreben werde.

Lange war aber nun die Frage, wer denn diesen Prozess letztendlich antreiben wird. Denn bis zu diesem Wochenende verfügte Katalonien über keinen Ministerpräsidenten. Wenn man sich bis Sonntag, Mitternacht, nicht geeinigt hätte, wären Neuwahlen die Folge. Mas gab schließlich nach, trat zurück und schlug seinen Parteifreund Puigdemont als Nachfolger vor. Der 53-Jährige war bisher weitgehend unbekannt, er gilt aber als glühender Separatist. Und seine eingangs erwähnten Worte über die Spanier als Invasoren drehen gerade auf Social Media die Runden mit unterschiedlichen Interpretationen: Meinte er es im historischen Kontext? Oder muss er in eine psychiatrische Einrichtung, wie der Journalist Antonio Casado fordert?

Puigdemonts Regierung will nun den "Fahrplan zur Unabhängigkeit" umsetzen, der Prozess soll bis Mitte 2017 mit einem Referendum über die Unabhängigkeit abgeschlossen werden.

Noch keine Regierung in Madrid


Von Madrid kommt weiter Widerstand, die große Unbekannte ist, ob in Katalonien die Stimmung umschwenkt, wenn in den nächsten Wochen in Madrid eine neue Regierung gebildet wird, die nicht mehr dem alten Feindbild entspricht - also nicht mehr eine Alleinregierung der Volkspartei unter Mariano Rajoy darstellt.

Gratulation bekam Puigi übrigens schon vom größten katalanischen Exportschlager: Der FC Barcelona wünschte ihm auf Twitter "Erfolg in dieser historischen Etappe, in die unser Land nun tritt". Darauf hagelte es Kritik: Diese Aussage sei eine Beleidigung für alle Fans, die den Club in der Seele tragen, obwohl er oft für die Politik missbraucht werde.