"Wiener Zeitung:" Der Hass gegenüber Geflüchteten tritt in Sachsen immer wieder unverhohlen zutage. Was ist dort los?

Beate Küpper: Nicht nur in Sachsen. In ganz Deutschland gibt es Anschläge und eine vergleichsweise hohe Zustimmung zu Fremdenfeindlichkeit. Aber die Werte im Osten sind etwas höher und die Anschläge kulminieren in Sachsen. Seit der Wende haben wir dort kein klares Agieren gegen Rechtsextremismus, sondern vielfach ein Runterspielen. Es heißt oft: "Die kommen aus dem Nachbarort." Oder auch: "Linksextremismus ist genauso schlimm."

Besonders an Sachsen ist auch der Regionalstolz. National- und Regionalstolz sind ganz eng verbunden mit dem Gefühl, besser als die anderen zu sein. Das führt schnell zu Abwertung. Wirtschaftlich geht es Sachsen gut. Auch in Pisa-Studien schneidet man gut ab. Sachsen gilt ja als das Bayern des Ostens. Aber trotzdem herrscht dort das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Es gibt also eine weite Kluft zwischen dem Anspruch, etwas Besseres zu sein und dafür nicht anerkannt zu werden. Das wird dann an jene, die auf der Leiter weiter unten stehen, weitergereicht.

Dazu kommt, dass Sachsen wenig Erfahrung mit Einwanderung hat. Aber das gilt für den ganzen Osten. Durch die Abwertung der Fremden gibt es in der Bevölkerung wenig Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen. Trotzdem gibt es dort auch viel Engagement. In der Wahrnehmung geht das unter. Die Brandleger fallen auf, die Ehrenamtlichen gehen unter.

Sie sprechen von einem Dreiklang aus Wut, Abwertung und Verachtung. Wie funktioniert dieser?

Wir hatten schon immer viele Vorurteile, die im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft schlummern. Heute beobachten wir besonders, dass sich die Abwertung von Einwanderern, Homosexuellen oder Frauen verbindet mit einer großen Demokratieverachtung. Aussagen wie: "Demokratische Parteien zerreden alles und machen nur faule Kompromisse" stimmen immerhin 70 Prozent der Deutschen zu. Die dritte Komponente ist die kollektive Wut und der Hass, die sich im Moment gegen Eingewanderte und Geflüchtete richten. Sie könnte sich aber genauso gegen Vertreter des demokratischen Systems richten, gegen Politiker, Journalisten oder Flüchtlingshelfer.

Gleichzeitig war das Ausmaß der Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen immens. Wie gespalten ist Deutschland?

Wir sehen gerade ein Ringen um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. In einer offenen, toleranten oder einer geschlossenen und intoleranten, wo alte Vorurteile und Rassismus wieder salonfähig sind. Aber die Entwicklung reicht weiter zurück. Denken sie an das "Sommermärchen", die Fußball-WM 2006. Damals hat sich das Land gefeiert für seine Offenheit und Vielfältigkeit. Nur wenige Monate später erschien das Buch von Thilo Sarrazin mit seiner Hetze gegen Muslime. Auch in der Griechenland-Krise erlebten wie ein kaltes, rücksichtsloses Agieren Deutschland - da hatten wir wieder dieses hartherzige und "Law-and-Order"-hafte.

Durch unsere Forschung können wir zeigen, dass die unsolidarische Haltung zu Europa nicht nur zur Abwertung von Griechen führt, sondern auch von anderer Gruppen wie Frauen oder Homosexuelle. Die Geflüchteten sind heute also nur ein Anlass.

Was muss jetzt passieren?

Wir müssen verstehen, dass wir diese Themen immer haben werden. Der Mensch neigt zur Abwertung und zur Bildung von Gruppen, die das ausnützen. Demokratie und Menschenfreundlichkeit sind eine Daueraufgabe. Wie Schreiben und Lesen müssen wir das in jeder Generation neu lernen! Es ist eine hochzivilisatorische Aufgabe, sich nicht die Köpfe einzuschlagen. In Sachsen hat die Landesregierung schwerwiegende Fehler gemacht. Schlüsselfiguren wie Minister und Bürgermeister sind besonders wichtig, von ihnen gehen entscheidende Signale aus. Doch es wurde nur herumgeeiert und relativiert.

Zur Person

Beate
Küpper

ist Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein. Vor wenigen Wochen erschien ihr Buch "Wut, Verachtung, Abwertung. Rechtspopulismus in Deutschland".