London. Wenn die Briten sich erst einmal aus der EU verabschiedet hätten, meint etwa Mary Dejevsky, außenpolitische Kommentatorin des Londoner "Independent", wären sie für Großmächte wie die USA oder China "ein wiewohl gut vernetztes, so doch kleines und relativ unproduktives Land, das seine großen Ambitionen einschrumpfen müsste, um sie seinen begrenzten Mitteln anzupassen". Der "Guardian"-Kolumnist Simon Tisdall warnt davor, seine Heimat, "die einmal das größte Empire aller Zeiten darstellte", drohe sich in "eine kleine, überbevölkerte und nicht sonderlich wichtige Insel im Nordatlantik" zu verwandeln.

Schon jetzt sieht Tisdall Großbritannien "in einem Niemandsland gestrandet". In der EU, hat immerhin Außenminister Philip Hammond eingeräumt, habe das Vereinigte Königreich schon jetzt, seit dem Referendums-Entscheid, "kein Gewicht mehr". Hammond hatte, wie Premierminister David Cameron, prophezeit, dass mit einem britischen EU-Austritt auch Londons Bedeutung in der Welt zwangsläufig geringer werde.

Mittlerweile befürchten Insel-Diplomaten, dass Britannien per Brexit sogar seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat aufs Spiel gesetzt haben könnte. Sollte auch noch Schottland abspringen, werde es bei den G7 höchstens noch ein Juniorpartner sein.

Aus Washington sind schon enttäuschte Stimmen zu hören, die ihren engsten europäischen Verbündeten in der EU missen - und sich anderweitig umsehen. Dass Großbritannien künftig keine Brücke zwischen EU und Nato mehr sein könne, meint Malcolm Chalmers vom Royal United Services Institute, werde außerdem "den britischen Einfluss auf die Nato vermindern".

Sogar aus dem Commonwealth, dem Erbe des alten britischen Kolonialreichs, kommen Klagen darüber, dass nun London "nicht mehr für den Commonwealth sprechen kann in Brüssel". Wenn gewisse Politiker in London zudem glaubten, künftige Einbußen aus dem EU-Geschäft durch Commonwealth-Handel ausgleichen zu können, sei das reine "Phantasie", erklärt Lord Marland vom Unternehmens- und Investment-Rat des Commonwealth.

Falsche Verspechen

Genau das aber, eine "neue, globale Rolle" für ihr Land, "losgelöst von den EU-Ketten", hatten die Wortführer des Brexit stets versprochen. Als eigenständige Nation sollte Großbritannien eine eigenständige Stimme haben, sich in der "Anglosphere" mit US-Amerikanern, Kanadiern und Australiern eng zusammenschließen und mit "wirklich wichtigen" Ländern wie China und Indien schwunghaften Handel betreiben.