Würzburg/Wien. "Wir schaffen das!" schien bereits ein Fall für das Archiv von Politikerzitaten zu sein. Erst ließ die geschlossene Balkanroute ab März das Thema Flüchtlinge langsam von den Titelseiten der Zeitungen und den Startseiten der Onlinemedien verschwinden. Anderes trat in den Vordergrund, zuallererst der Brexit. Doch mit dem Attentat des 17-jährigen Flüchtlings Riaz A. am Montagabend in einem Regionalzug bei Würzburg und seinem Bekenntnis zur Terrororganisation "Islamischer Staat", kehrt Angela Merkels tausendfach zitierter Ausspruch in Deutschland als Frage wieder: "Schaffen wir das?"

Kanzlerin Merkel verurteilte das Attentat als "unfassbar grausame Tat". - © ap/Schreiber
Kanzlerin Merkel verurteilte das Attentat als "unfassbar grausame Tat". - © ap/Schreiber

Angesichts von rund 1,3 Millionen Flüchtlingen, die 2015 und in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Deutschland angekommen sind, war von Anfang an klar, dass auch Extremisten unter den Asylsuchenden sein werden. "In den allermeisten Fällen" hätten sich "Hinweise auf Bezüge zum internationalen Terrorismus" bei Flüchtlingen als falsch herausgestellt, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière am Mittwoch. Doch: "Man kann nicht sagen, es gibt zwischen Flüchtlingen und Terrorismus keinen Zusammenhang." Mit diesem Nachsatz stellt sich de Maizière gegen Merkel. Seit vergangenen Herbst befand er sich in der Flüchtlingsfrage mehrfach nicht auf Linie Merkels, etwa plädierte er früh für einen erschwerten Familiennachzug für Asylsuchende aus Syrien.

Zudem drohen die Gräben zwischen der CDU und ihrer Schwesterpartei CSU wieder aufzureißen. "Wir müssen auch den Zuzug begrenzen", sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Die CSU bringt damit ihre Forderung nach einer Flüchtlings-Obergrenze wieder ins Spiel, gegen die sich Merkel stets gewehrt hatte.

Bei dem Zug-Angreifer von Würzburg handelt es sich nach Einschätzung der Bundesregierung um einen Einzeltäter. Vieles deute darauf hin, dass er sich durch die Propaganda der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) habe anstacheln lassen, sagte de Maiziere am Mittwoch in Berlin. Hinweise auf eine Anordnung des IS gebe es nicht.

Bei Nizza gleich zur Stelle

Die Kanzlerin selbst hat am Mittwochabend den Anschlag von Würzburg als "unfassbar grausame Tat" verurteilt. Sie danke der Polizei, die getan habe, "was sie konnte, um noch mehr Opfer zu verhindern und die Gefahren für die Bevölkerung zu bannen", sagte Merkel am Rande des Treffens mit der britischen Premierministerin Theresa May in Berlin. Die Kanzlerin sagte, dass sie sich in den vergangenen Tagen ausführlich über den Stand der Ermittlungen informiert habe. Zur Person des Täters gebe es "noch vieles aufzuklären".