"Einen Feind kreieren, um von Problemen abzulenken"


Gleichzeitig folgt die Verleumdung der Organisationen einem Muster von Machthabern, unterstreicht Pirovska: "Die Methode ist, einen Feind zu kreieren und damit von den tatsächlichen Problemen des Landes abzulenken."

Von denen gibt es nicht wenige. Die Annäherung des EU-Beitrittskandidaten an die Union und das Militärbündnis Nato stockt. Der Namensstreit mit dem angrenzenden Griechenland ist ungelöst. Die Regierungskrise hat auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Diese könnte heuer um drei Prozent und mehr wachsen - falls politische Stabilität erreicht wird. Die Zahl der Arbeitslosen ist in den vergangenen Jahren zwar zurückgegangen, doch noch immer hat offiziell jeder vierte Mazedonier keinen Job. Das monatliche Durchschnittsgehalt liegt bei 400 Euro und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf nicht einmal bei einem Drittel des EU-Schnitts.

Hinzu kommt, dass die ausländischen Investitionen eingebrochen sind. Im Vorjahr machten sie an die 400 Millionen Euro aus. "Doch heuer lagen die Investitionen laut den März-Zahlen bei null - das hat es vorher nicht gegeben", erzählt Dimitar Ristovski vom Europäischen Unternehmensverband. Die politische Lähmung schrecke aber nicht nur Investoren aus dem Ausland ab. Generell "gehen die wirtschaftlichen Aktivitäten zurück, weil der Staat nicht funktioniert", betont Ristovski. Sein Kollege von der Wirtschaftskammer für Nordwest-Mazedonien, Fatmir Bytyqi, formuliert es noch deutlicher: "Der Staat, eine Gruppe von Politikern, hat die Wirtschaft gekapert."

Korruption, Rechtsunsicherheit, ständig wechselnde Vorschriften, unfairer Wettbewerb - all das gehört zu den Schwierigkeiten, mit denen Unternehmer zu kämpfen haben. Bytyqi weist außerdem auf starke regionale Unterschiede hin, die aus der Vernachlässigung mancher Gebiete resultieren sowie auf den Mangel qualifizierter Arbeitskräfte. Denn trotz hoher Arbeitslosenraten haben manche Firmen Probleme bei der Stellenbesetzung. Daher plädieren in Mazedonien auch die Arbeitgeber für eine Anhebung des Mindest- und Durchschnittsgehalts. Denn eine Lehre scheint nicht zuletzt wegen der schlechten Bezahlung vielen nicht erstrebenswert zu sein.

Auf der Suche nach Perspektiven im Ausland


Umgekehrt gilt eine Beschäftigung im Staatsdienst noch immer als attraktiv. Ristovski führt eine Umfrage unter Jugendlichen an: Demnach möchten von hundert jungen Menschen 78 eine Anstellung in der öffentlichen Verwaltung finden und wünschen sich lediglich zwölf einen Job in der Privatwirtschaft. Und jeder Zehnte würde sich am liebsten in einem anderen Land nach Perspektiven umsehen.

An die 400.000 Menschen haben in den vergangenen fünf Jahren laut Schätzungen Mazedonien verlassen. Zumindest ein Viertel von ihnen hat bereits einen EU-Pass, die Hälfte davon einen bulgarischen. Diese Zahlen hat das Recherche-Netzwerk BIRN veröffentlicht: Von 2005 bis 2015 haben fast 58.000 Mazedonier in Bulgarien einen Pass beantragt und erhalten. Knapp 49.000 Menschen bekamen das Dokument in einem anderen Land, das der Europäischen Union oder dem Schengen-Raum angehört - in der Schweiz, Italien, Deutschland oder Österreich.

Die Emigranten sind oft jung und gut ausgebildet. Dennoch wird die Abwanderung nicht immer als problematisch angesehen, nicht einmal in Wirtschaftskreisen. Denn das Geld, das die Menschen in ihre Heimat schicken, macht immerhin ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts aus. Darauf verweist Dimitar Ristovski vom Unternehmerverband und meint: "Emigration hat es schon immer gegeben, auch in anderen Ländern. Doch dann kommen die Menschen wieder zurück, mit neuen Erfahrungen und neuer Motivation, hier etwas eigenes aufzubauen." Derzeit scheint das aber mehr Wunschdenken denn Realität zu sein.