Berlin/Wien. Fußball-Metaphern und Politik: Das geht selten gut. Auch bei Cem Özdemir. "Wir gehen in die Verlängerung", raunte der Grüne im stockdunklen Berlin in die Kameras, nachdem die Sondierungsgespräche mit CDU, CSU und FDP vertagt worden waren. Im Fußball sind die Regeln klar, zweimal 15 Minuten müssen sich die Spieler dann noch über den Platz plagen.

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Wie lange die Jamaika-Sondierer einander und die Öffentlichkeit quälen, wissen sie selbst nicht. "Das ganze Wochenende, davon gehen wir mal aus", sagt der Fraktionschef von CDU/CSU im Bundestag, Volker Kauder. Nicht einmal in der konservativen Union herrscht in der Frage Konsens, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will sich nicht festlegen: "Ich würde nach den Erfahrungen der letzten Tage kein Zeitlimit sehen." Die FDP tut dies sehr wohl, und zwar für Sonntag 18 Uhr, wie FDP-Vize Wolfgang Kubicki am Freitag sagte. Wenn es bis dahin keine Einigung gibt, werde es keine Verhandlungen über eine Koalition geben.

Fest steht nach vier Wochen zäher Verhandlungen: Die Parteien kommen bei den immer gleichen Themen nicht voran. Das gilt zuallererst für die emotional sowie symbolisch überfrachtete Migrationsfrage. Flucht, Asyl und Integration, da sind sich Union und Grüne traditionell uneins. Dieser Graben hat sich mit dem Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl im September - sie erreichte 12,6 Prozent - noch vertieft. Schließlich interpretieren die Konservativen den Dammbruch einer Kraft rechts von ihnen im Bundestag als Auftrag, nun selbst weiter nach rechts zu rücken. Über Monate wies Kanzlerin Angela Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge in Höhe von 200.000 Personen pro Jahr zurück. Nachdem die Union bei der Bundestagswahl nur knapp 33 Prozent erzielt hat - minus 8,6 Prozentpunkte -, hat Merkel ihren Widerstand aufgegeben.

Zwar findet sich das O-Wort nicht mehr. Aber die Schwesterparteien haben sich geeinigt, dass bei Aufnahmen abzüglich Abschiebungen und freiwilligen Rückreisen in die Heimat unter dem Strich maximal 200.000 herauskommt. Seehofer hat Merkel dieses Versprechen abgetrotzt. Warum sollte er es nun aufgeben, bloß weil eine 8,9-Prozent-Partei dazu drängt? Oder die noch unter Schwarz-Rot beschlossene Aussetzung des Familiennachzugs für Menschen mit eingeschränktem Asylstatus bis März 2018 in der kommenden Legislaturperiode fallenlassen? Erst recht, da im Herbst kommenden Jahres Landtagswahlen in Bayern anstehen und die CSU vor der AfD und um ihre absolute Mehrheit bangt - also einen Verhandlungserfolg in Berlin derzeit bitter nötig hat.

Abräumen an falscher Stelle

Umgekehrt beißen sich die Grünen an der Flüchtlings-Gegenposition fest. Das entspricht ihrem Selbstverständnis als bedingloslose Verteidigerin universeller Menschenrechte. Doch in der Verkehrs- und Klimapolitik, jenen Themen, mit denen die Öko-Partei groß geworden ist, räumte sie bei den Sondierungen frühzeitig ihre Wahlkampfforderungen. Nichts wird es mit dem Zulassungsverbot von Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2030, passé ist die sofortige Stilllegung der zwanzig schmutzigsten deutschen Kohlekraftwerke. Auch ihre Sondierungsforderung, die Stromproduktion in Kohlekraftwerken müsse um acht bis zehn Gigawatt reduziert werden, blieb unerfüllt. Laut den Grünen wäre diese Menge erforderlich, damit Deutschland 90 bis 120 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß einspart und sein selbst gestecktes Klimaziel erreicht. Die Treibhausgase sollen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden. Union und FDP boten fünf Gigawatt an, Merkel höchstselbst erhöhte dem Vernehmen nach auf sieben Gigawatt.

Keine Leuchtturm-Projekte

Anstatt sich zu verrennen, weil sie bei jedem Thema eine inhaltliche Einigung erzielen wollen, hätten die Sondierer eine andere Kompromissvariante wählen können, jene der Leuchtturm-Projekte. Jede der vier Parteien oder drei Fraktionen erhält einen Bereich, in dem sie sich profilieren kann. "Diese Art des Kompromisses ist in Deutschland jedoch nicht eingeübt. Das hässliche Wort vom Verrat an den eigenen Grundsätzen würden dann sicher einige Leute im Mund führen. Denn es geht gerade nicht nur um taktische Spielchen, sondern die prinzipielle Frage, was kann eine Partei akzeptieren, um als CSU oder Grüne wahrgenommen zu werden", sagt Wilhelm Knelangen.

Der Professor für Politikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität Kiel verweist im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" darauf, dass ausgerechnet eine schwarz-gelb-grüne Koalition diese Leuchtturm-Strategie verfolgt. Im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein regieren die drei Parteien seit Ende Juni. Das Jamaika-Bündnis war dort nur eine Notlösung, aber die politisch einzig machbare - wie nun in Berlin. "Der CDU unter dem neuen Ministerpräsidenten Daniel Günther wurde die Verlängerung des Gymnasiums von acht auf neun Jahren zugestanden. Dazu kamen Verkehrsmaßnahmen und eine größere Entfernung zwischen Wohnbauten und Windkraftwerken. Umgekehrt ist im Sinne der Grünen festgelegt, dass es bei der Energiewende keine Abstriche gibt. Schleswig-Holstein produziert damit weiterhin viel mehr Energie, als es braucht", erklärt Knelangen. Die FDP wiederum habe bei ihrem Kernthema Entlastung der Wirtschaft einen Erfolg erzielt. Der Landes-Mindestlohn in Höhe von 9,18 Euro pro Stunde wird eingefroren und bis 2019 abgeschafft. Dann soll der derzeit niedrigere Bundes-Mindestlohn das jetzige Landesniveau des Nordens erreicht haben.