Wiener Zeitung: Die türkische Armee kämpft nun gegen syrische Kurden. Sind Sie überrascht?

Asli Erdogan: Es war klar, dass sie bei der ersten Möglichkeit angreifen werden. Es stimmt mich traurig, dass mein Land Krieg betreibt. Ich befürchte, das ist das Ende all unserer Hoffnungen auf eine friedliche Lösung.

Sie glauben also nicht mehr an eine friedliche Lösung?

Es wird immer schwieriger. Die türkischen Kurden müssen sich jetzt sehr unsicher fühlen. Wie die Atmosphäre in der Türkei ist, kann ich nicht beurteilen (Erdogan befindet sich derzeit in Deutschland, Anm.). Ich habe den Eindruck, dass die ganze Türkei - Gewerkschaften, berühmte Schauspieler, Unternehmer - hinter Erdogan steht. Alle predigen "Gott sei mit unseren Soldaten". Religiöse Stimmen werden stärker. Auch wenn es nun Proteste gibt, werden diese sicher zum Schweigen gebracht. Jeder, der diesen Krieg kritisiert, riskiert als PKK-Mitglied oder Verräter verhaftet zu werden.

Bei Neuwahlen wird Präsident Erdogan nicht nur seine religiös-konservativen Stammwähler, sondern auch säkulare Wähler gewinnen müssen. Glauben Sie, dass ihm das gelingen wird?

Das ist ihm bereits gelungen, die Kemalisten stehen hinter ihm. Vor 20 Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, dass Kemalisten "Gott sei mit unseren Soldaten" twittern. Die Kemalisten glauben, dass sie nationalistisch agieren, aber tatsächlich unterstützen sie den eigenen Untergang und den Sieg islamischer Gruppen.

Am Sonntag wurden "patriotische Richtlinien" an die Presse ausgegeben. Gibt es noch so etwas wie eine freie Presse?

Die Mainstream-Medien sind sehr patriotisch, religiös und völlig angepasst. Es sind die ersten Tage des Feldzuges. Vielleicht wird die Berichterstattung wieder rationaler.

Sie wurden im Dezember 2016 aus der viermonatigen Haft entlassen. Sind Sie seither in Deutschland?

Nein, ich habe erst im September 2017 meinen Pass bekommen und bin dann nach Deutschland gereist, ursprünglich war nur eine Woche geplant, ich bin mit kleinem Gepäck angereist. Jetzt bin ich fünf Monate hier. Für Menschen wie mich, wird es in der Türkei immer schlimmer.