"Wiener Zeitung": Wladimir Putin wurde mit gut 76 Prozent wiedergewählt. Wie glaubwürdig ist das Wahl-Ergebnis?

Garri Kasparow: Was für eine Wahl? Es ist absurd, diese Show, die am Sonntag in Russland abgehalten wurde, Wahl zu nennen. Es war eine Farce. Der einzige Wähler, dessen Stimme wirklich zählt, ist Putin selbst. Das Ergebnis mit über 70 Prozent erinnert an die Eishockeyspiele, bei denen er zehn Tore gegen Profi-Teams schießt. Es ist lächerlich.

Putin ist jetzt für weitere sechs Jahre gewählt. Wird er bis zum Ende dieser Amtszeit im Kreml bleiben?

Wie lange er an der Macht bleibt, hängt nicht von dem ab, was er Wahlen nennt, sondern davon, wann der Westen endlich anfängt, ihn ernsthaft zu bekämpfen. Die bisherigen Sanktionen tun Putin zwar weh, aber sie sind nicht wirklich gefährlich für ihn. Dass Großbritannien jetzt 23 Diplomaten ausgewiesen hat, beeindruckt ihn nicht im Geringsten.

Was wäre für Putin und sein System wirklich einschneidend?

Man muss beim russischen Geld ansetzen. Nur das ist wirklich kritisch für Putin und seinen Clan, wenn man ihren Kapitalflüssen in die Quere kommt. Das ist der einzige Weg, eine große Katastrophe, die Putin mit seiner Aggressions-Politik über kurz oder lang anrichten wird, zu vermeiden - wenn der Westen die superreichen Russen vor die Wahl stellt: "Entweder Ihr bleibt auf Putins Seite, oder Ihr rettet Euer ganzes Vermögen, das Ihr bei uns gebunkert habt." Dann werden sich die Oligarchen etwas überlegen gegen Putin.

Viele im Westen sehen die Sanktionen kritisch und fordern eine Wiederannäherung an Russland...

Der Westen muss endlich aufhören, so zu tun, als sei Putins Russland ein ganz normaler Staat. Der russische Staat unter Putin vertritt keine nationalen Interessen, sondern nur die Interessen der Banditen, die dort an der Macht sind.

Großbritannien ist überzeugt, dass Moskau hinter dem Giftanschlag auf Ex-Agent Skripal steht. Was für ein Interesse sollte Russland an der Tat haben?

Das war ein Einschüchterungsversuch des Kremls. Dass auch Skripals Tochter zum Opfer wurde, verstärkt die Wirkung. Sie haben Angst in Moskau, dass US-Sonderermittler Mueller jetzt Russen befragen könnte über die Einmischung Moskaus in den USA und in den Wahlkampf dort. Der Kreml will das um jeden Preis, auch den eines Mordes, verhindern. Und potenzielle Zeugen zum Schweigen bringen.

Skeptiker wenden ein, Moskau würde die Tat eher schaden...

Diesen Unsinn hören wir seit 15 Jahren immer, wenn jemand ermordet wird. Warum soll der Anschlag Putin schaden? Schädlich ist etwas, wenn es negative Konsequenzen hat. Hatte der Polonium-Mord an Alexander Litwinenko 2006 in London für Putin negative Folgen? Nein. Putins Russland ist ein Mafia-Staat. Und die Mafia mordet nicht einfach so. Es gibt immer einen Grund. Das Opfer Skripal selbst ist Moskau egal. Es geht um die Warnung, um die Botschaft: Wer redet, dem passiert das Gleiche.

Was ist Putins Ziel?

Er betreibt einen weltweiten Krieg gegen die Demokratie. Die ist lästig für die mafiösen Geschäfte von ihm und seinem Clan. Teil dieses Krieges ist eine gigantische Destabilisierungs-Kampagne in ganz Europa. Jeder westliche Staatsmann, der Putin jetzt gratuliert, fällt damit den Werten der eigenen Gesellschaft in den Rücken. Gerade die Deutschen tun leider so gut wie nichts gegen Putins Aggression. Vielen wollen das Problem nicht wahrhaben.