London. Halbwegs durch die Fußball-WM und wenige Tage vor dem nächsten Nato-Gipfel hat die britische Regierung erneut scharfe Vorwürfe gegen Moskau erhoben. Im Unterhaus erklärte am Donnerstag Großbritanniens Innenminister Sajid Javid, London werde nicht zulassen, dass "unsere Straßen, unsere Parks, unsere Städte als Müllhalden für Gifte" benutzt würden durch den Kreml, durch den russischen Staat.

Die britische Regierung, fügte der Minister hinzu, werde "allen Aktionen wehren, die unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Partner gefährden" - egal ob es sich um gezielte Aktionen oder um Aktionen mit zufälligen Opfern handle. "Wie zuvor schon, werden wir uns auch nach den neuesten Ereignissen wieder mit unseren internationalen Partnern und Verbündeten beraten", sagte Javid. "Gegenwärtig richten sich die Augen der Welt voll auf Russland, nicht zuletzt wegen der Fußball-Weltmeisterschaft."

Der Innenminister, der am Donnerstag eine Notstands-Sitzung in der Regierungszentrale leitete, forderte die russische Regierung auf, der Welt "zu erklären, was hier eigentlich vor sich geht". Aus Moskau hieß es, Theresa Mays Regierung solle "endlich aufhören mit ihren Intrigen und Spielchen". Russland habe mit der Geschichte nichts zu tun.

Anlass des neuen zornigen Wortwechsels war die Einlieferung zweier weiterer Bürger aus dem Raum Salisbury, offenkundig mit schwerer Nervengas-Vergiftung, in die örtliche Klinik. Im März war in der südenglischen Stadt ein Anschlag mit dem hochgradig giftigen militärischen Kampfstoff Nowitschok auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia verübt worden. London hatte den Mordversuch damals Moskau zur Last gelegt. Der Vorfall hatte eine schwere diplomatische Krise zwischen Russland und vielen anderen Staaten ausgelöst.

Moskau hatte alle Verantwortung für die Tat abgestritten. In der Folge hatten Polizeibeamte, Terrorabwehr und Giftgas-Experten Parks und Gebäude in Salisbury abgesperrt und wochenlang durchfilzt, aber weder Tatwaffe noch Hinweise auf die Täter gefunden. Nowitschok, hieß es, sei seinerzeit als Gel verwendet und auf die Türklinke Skripals gestrichen worden.

Unentdeckte Reste von März?

Erst vor zwei Wochen hatten Prinz Charles und seine Frau Camilla noch Salisbury besucht, um der Stadt zur Rückkehr zu "normalen Verhältnissen" zu gratulieren. Am vergangenen Samstag aber ergingen zwei neue Notrufe in der Ortschaft Amesbury, zwölf Kilometer von Salisbury entfernt. Im Abstand von fünf Stunden wurden an diesem Tag eine 44-Jährige und ein 45-Jähriger ins Bezirkskrankenhaus eingeliefert. Beide schweben seither in Lebensgefahr.