Kiew/Moskau. Eine ungewöhnliche Auktion ist es, die am kommenden Mittwoch in Kiew über die Bühne gehen wird. Denn das Objekt der Begierde, ein grau-weißer Fischkutter, ist ein Politikum. Das Schiff, das den Namen "Nord" trägt, fuhr unter russischer Flagge, ehe es im vergangenen März von ukrainischen Grenzschützern aufgebracht wurde.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Die Ukraine wirft der Besatzung, ehemaligen Krim-Ukrainern mit russischen Pässen, illegalen Grenzübertritt vor. Dem Kapitän des Schiffes drohen bis zu fünf Jahre Haft, weil er von der Halbinsel Krim aus in ukrainische Gewässer gefahren und illegal gefischt haben soll. Die Einreise in die Ukraine von der Krim aus ist seit der Annexion der Halbinsel durch Russland 2014 verboten.

Moskau war über die Beschlagnahmung des Kutters erzürnt und sprach von "Piraterie". Die Antwort des Kremls ließ nicht lange auf sich warten. Im Mai wurde eine Brücke eingeweiht, die eine Landverbindung schuf über die 19 Kilometer breite Wasserstraße von Kertsch zwischen der Krim und dem russischen Festland. Die Brücke gilt als Prestigeprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, um die Anbindung der Krim an Russland zu demonstrieren. Sie dient aber nicht nur dem Image. Die Brücke verschafft Russland im Asowschen Meer einen erheblichen strategischen Vorteil. "Durch den Bau der Brücke in der Straße von Kertsch wurde die maximale Höhe von Handelsschiffen begrenzt", sagt Russland-Experte Gerhard Mangott der "Wiener Zeitung". Dies sei für die Ukraine von Nachteil: Schiffe, die höher als 33 Meter sind, könnten nicht mehr unter der Brücke hindurch in die Häfen von Mariupol oder Berdjansk fahren. "Für die russischen Schiffe ist das kein Problem, weil sie kleiner sind, da die russischen Häfen im Asowschen Meer nur eine geringe Wassertiefe haben", erklärt Mangott.

Kiew hofft auf Nato-Beistand

Vor allem aber finden seit ein paar Monaten vermehrt lästige und manchmal Tage dauernde Inspektionen statt. Vor allem die russische Küstenwache schränkt den ukrainischen Schiffsverkehr ein. "Das führt zu Zeitverlust. Die Häfen von Mariupol und Berdjansk werden zunehmend unattraktiv", analysiert der Experte.

Russland und die Ukraine haben sich 2003 darauf geeinigt, das Asowsche Meer als Binnengewässer anzusehen. Das heißt, dass keine Seegrenze gezogen ist, dass jedes Schiff sich in jedem Bereich des Meeres aufhalten kann. Die Ukraine-Krise und ihre Folgen lassen eine Kündigung dieses Vertrags zunehmend wahrscheinlich erscheinen - ein langwieriger Streit um die Grenzziehung wäre damit vorprogrammiert. Kiew fürchtet auch eine militärische Bedrohung, eine Landnahme ukrainischen Staatsgebiets durch russische Schiffe in der Region von Mariupol. Das mögliche Ziel, so mutmaßt man in Kiew: eine Landbrücke zwischen der Krim und den Separatistengebieten.

Dieses Szenario scheint freilich wenig wahrscheinlich. Denn Russland hat bis jetzt stets betont, in den Ukraine-Konflikt nicht direkt involviert zu sein. Ein Konflikt zur See oder gar eine Invasion wäre aber ein offener feindlicher Akt, eine Kriegserklärung an die Ukraine.

Die Karten der Ukraine in einem heißen Konflikt ums Asowsche Meer wären jedenfalls nicht die besten: Russland ist militärisch weit überlegen. Also hofft Kiew auf Beistand durch die Nato, etwa durch Lieferung ausgedienter Schiffe. Das würde den Ukraine-Konflikt aber weiter anheizen.

Es wäre freilich auch möglich, dass sich Russland und die Ukraine einigen. "Was im Gespräch ist, ist, dass Moskau seine Kontrollen einstellt, wenn Kiew wieder die Wasserversorgung der Krim aufnimmt", sagt Mangott. Die Ukraine hatte die Versorgung des abtrünnigen Gebiets 2015 gekappt. Sehr realistisch ist so ein Versöhnungsschritt freilich nicht: Ende März gibt es in Kiew Präsidentenwahlen. Aussöhnung mit Russland ist da nicht allzu populär.