Kiew. Wer das Sternenbanner der Europäischen Union als Symbol der Hoffnung geschwenkt sehen will, muss derzeit wohl bis in die Ukraine fahren. Im Zentrum von Kiew, auf dem Europaplatz, demonstrieren derzeit täglich Tausende mit den blau-gelben Fahnen der EU und der Ukraine gegen den Kurs der Regierung, das Assoziierungsabkommen mit Brüssel auf Eis zu legen. Auch eiskaltes Wetter hat die prowestlichen Demonstranten - die Opposition sprach von rund 100.000, die Polizei von 20.000 Menschen - am Sonntag nicht davon abgehalten, für eine Wendung des Landes Richtung Europa einzutreten. Die Proteste setzten sich am Montag fort. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Tränengas einsetzte. Oppositionspolitiker Vitali Klitschko rief zum Dauerprotest auf. Auch in anderen Städten wurde demonstriert.

Die Wut weiter Teile der Bevölkerung auf die Regierung von Präsident Wiktor Janukowitsch und die von ihr am vergangenen Donnerstag eingeleitete Wendung Richtung Russland ist riesengroß. "Wir wollen in einem Rechtsstaat leben, nicht in einem Bandenstaat", sagte eine Demonstrantin in Kiew der "Wiener Zeitung". Es sind vor allem die Jungen, besser Ausgebildeten, für die die EU eine Zukunftshoffnung darstellt.

"Homo sovieticus"


Und das nicht ohne Grund, denn auch 22 Jahre nach der Unabhängigkeit hält sich der "Homo sovieticus" am Dnipro, wie der Dnjepr auf Ukrainisch heißt, mit gewisser Beständigkeit. Dieser vom russischen Dissidenten Alexander Sinowjew beschriebene Menschentyp gilt im Kern als Opportunist. Er lässt sich von seiner Führung alles gefallen und übernimmt so wenig Verantwortung wie möglich. Er verrichtet Dienst nach Vorschrift, ohne Eigeninitiative. Vor allem aber pflegt er ein kreatives Verhältnis zum Eigentum. Das Stehlen von "Volkseigentum" galt in der Sowjetunion bei vielen als Kavaliersdelikt. Und auch heute hat sich, wie Investoren aus dem Ausland bestätigen, noch keine sichere Eigentumsordnung im Land etabliert - die wiederum Basis einer sicheren Rechtsordnung, eines Rechtsstaates werden könnte. Immer wieder kommt es zu fragwürdigen Enteignungen, Korruption ist allgegenwärtig. Beobachter verweisen außerdem darauf, dass ein großer Teil des ukrainischen Führungspersonals in Wirtschaft und Politik noch in der Sowjetunion sozialisiert wurde - auch die inhaftierte Julia Timoschenko. Diese trat am Montag aus Protest gegen die Abkehr der Regierung vom West-Kurs in einen unbefristeten Hungerstreik.