Salzburg.

Eröffnungsredner Joachim Gauck und Festspielchefin Helga Rabl-Stadler. - © EPA
Eröffnungsredner Joachim Gauck und Festspielchefin Helga Rabl-Stadler. - © EPA

Wenn die Salzburger Festspiele beginnen, tragen nicht nur die Künstler Masken: Da verwandelt sich die Gasse vor den Festivalbühnen in einen Fuhrpark der Edelkarossen, mutiert die Kollegienkirche zu einem "Kontinent" für moderne Musik, wird der nahe Kapitelplatz - Sponsor-Screen sei Dank - zum Tummelplatz für Kreti und Pleti. Und natürlich: Da buhlen überall sonst wieder jene teuren Anbieter, die zumindest Amadeus, wenn nicht Mozart heißen.

Dass über diesem Gepränge nicht nur der Geist großer Kunst, sondern auch ein Hauch Krise schwebt, ist für Salzburg typisch. Bürgten in den Vorjahren Personalia und Skandale für Erregung, kommen die Misstöne heuer aus anderer Quelle. Einerseits vom Rechnungshof, der in einem Rohbericht allerlei tadelt.


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Und dann wäre da natürlich noch diese Blamage rund um die Eröffnungsrede: Im März wurde ruchbar, dass Jean Ziegler ein-, aber schon wieder ausgeladen worden ist; angeblich, weil der Globalisierungskritiker einst Kontakte zu Muammar al-Gaddafi unterhielt. So jedenfalls erklärte sich das Land Salzburg, das die Eröffnung veranstaltet.

Demokratie-Galionsfigur

Ziegler selbst witterte eine Sponsoren-Intervention - und rief sich nun, pünktlich zur Eröffnung, ins Gedächtnis: Er publizierte eine Art Hätti-Wari-Eröffnungsbrand-

rede, die den Hunger in der Welt angeprangert hätte - und das vor Festival-Sponsoren wie Nestlé.

Dennoch: Am Eröffnungsglanz des Mittwochvormittags konnte er kaum kratzen. Und das liegt nicht nur an einem Willen zur Verdrängung. In Joachim Gauck hat Salzburg einen Redner gefunden, der sich schwerlich Ersatzmann nennen lässt: Der 71-jährige Bürgerrechtler aus Rostock gilt als Galionsfigur der deutschen Einigung, ja ganz allgemein als eine der Demokratie.

So konnte Landeshauptfrau Gabi Burgstaller in der Felsenreitschule von "Schönwetterfestspielen" sprechen, die auch manches Gewitter aushalten. Und Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler jubilierte nicht nur aufgrund des dichten Programms (242 Veranstaltungen bis Ende August) und der Anwesenheit diverser Spitzenpolitiker, sondern auch mehrfach über Gaucks Präsenz. Heinz Fischer ließ auch kritische Worte hören: Lorbeeren dürfen kein Ruhekissen sein, meinte der Bundespräsident - meinte dies aber auch in einem politischen Kontext. Eine demokratische Kultur müsse auch Schreckenstaten wie jener von Norwegen gewachsen sein. "Wir lassen uns die Menschenrechte weder wegbomben noch -schießen", sagte Fischer.

Wert der Gegenwart

In diese Kerbe stieß auch Gauck. "Wir sind mehr als die Summe unserer Ängste", sagt er. "Wir dürfen uns von Mördern nicht unser Lebensprinzip diktieren lassen." Ein Staat, der die Bürgerrechte nach einem Attentat einschränke, wäre schlecht beraten. Ebenso wie Fischer verknüpft Gauck in seiner beseelten Rede Kultur mit Politik - und attestiert der Kunst die Kraft, den Geist über das Empfinden von Nichtigkeit zu erheben. "Menschen, die Derartiges erleben, fühlen sich ermächtigt, aber nicht zu frevelhafter Hybris (. ..), vielmehr erlangen sie ein lange vergessenes oder gar nie gekanntes Gefühl dafür, lebendig zu sein." Umso befreiender sei dies für Einwohner einer "politischen Einöde" gewesen, gedenkt Gauck seiner ostdeutschen Vergangenheit. Und nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sei die Gegenwart hoch zu schätzen.

Freilich: Dass auch da nicht alles perfekt ist, sei klar. Aber als "gebrannte Kinder" vergangener Verheerungen "werden wir Europäer künftig lieber das Schwarzbrot der Realpolitik essen, als zum Zuckerbrot der Ideologen zu greifen". Und um in dieser Realität zu überleben, "haben wir die Künste" - Künste, die das Bestehende ebenso anklagen wie rühmen können. "Ich wüsste nicht, wie wir wirklich und endlich ankommen könnten bei uns selbst ohne diese Begleitung."