Wien/Budapest. Der rechtsextreme und antisemitische Politiker Istvan Csurka wird Direktor des bisher liberalen Budapester "Neuen Theaters". Der 77-Jährige soll das Haus gemeinsam mit dem radikalen Nationalisten György Dörner führen. Die Entscheidung des Budapester Oberbürgermeisters Istvan Tarlos - an allen Widerständen vorbei - hat zu massiven Protesten in der ungarischen Kulturszene geführt. Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Kritiker und die Direktoren von neun Budapester Theatern richteten eine Flut an Protestbriefen an Tarlos, der der regierenden rechtskonservativen Fidesz-Partei angehört. Der prominente Dirigent Adam Fischer bezeichnet die Personalentscheidung als "absoluten Skandal", er ruft zu weiteren Protestaktionen auf. Auch aus Österreich kommt massive Kritik: Es sei "nicht hinzunehmen, dass ein Staat innerhalb der Europäischen Union seine Kulturpolitik von rechtsextremen Personen" bestimmen lasse, so die Grazer Autorinnen Autorenversammlung und die IG Autorinnen Autoren.

Autor und Hetzer

Csurka ist Vorsitzender der außerparlamentarischen rechtsextremen Wahrheits- und Lebenspartei MIEP und mit unverhohlen antisemitischen Äußerungen aufgefallen. Bei den letzten Parlamentswahlen im April 2010 unterstützte er Fidesz unter dem amtierenden Premier Viktor Orban. Die Rechtskonservativen regieren Ungarn seither mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Csurkas Partei, die zeitweise im Parlament vertreten war, hat ein Wählerpotenzial von rund 5 Prozent.

Csurka war während des Kommunismus ein bekannter Dissident und geachteter Schriftsteller. Nach der Wende im Jahr 1989 wandte er sich diversen Verschwörungstheorien zu und begann, gegen Minderheiten zu hetzen. Er wurde in der Folge aus der konservativen Partei "Demokratisches Forum" ausgeschlossen und gründete die rechtsextreme MIEP. Csurka vertritt die Ansicht, dass Ungarn von Juden, Bolschewisten und Freimaurern ausgebeutet und unterdrückt werde. Er geht davon aus, dass Juden das komplette Wirtschaftsleben dominieren, und glaubt an eine jüdischen Weltverschwörung. Die Drahtzieher dieser Verschwörung sitzen laut Csurka in Tel Aviv und New York. Der Neo-Theaterdirektor hat in der Vergangenheit seine antisemitischen Äußerungen allerdings stets so codiert, dass er nie gerichtlich zur Verantwortung gezogen wurde. So fordert er etwa, dass sich "die Ungarn in ihrem Land wohlfühlen können" müssten, ohne dass ihnen eine "kleine Minderheit" ihren Willen aufzwinge.

Csurka selbst bezeichnet sich als "völkisch", von seinen Gegnern, unter ihnen der Schriftsteller György Dalos, wird er als "glühender Antisemit ohne jede moralische Hemmungen" bezeichnet. Fakt ist, dass der wegen Holocaust-Leugnung verurteilte Brite David Irving bei Veranstaltungen der MIEP gern gesehener Gast war. Csurka selbst tritt für eine Rehabilitierung des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Laszlo Bardossy ein. Bardossy steht für die verstärkte ideologische und politische Annäherung an Nazi-Deutschland in den Jahren 1941 und 1942. Unter seiner Führung wurde das 3. sogenannte "Judengesetz" verabschiedet, das die Eheschließung zwischen Christen und Juden untersagte. Der Premier wurde 1945 als Kriegsverbrecher zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Csurka kündigte an, in seiner neuen Funktion seine bisher kaum gespielten Stücke auf die Bühne bringen zu wollen. "Ausländischen Müll" soll es nicht mehr geben, nur noch "nationales ungarisches Drama". Jetzt werde das Theater "viel politischer" werden als bisher. Csurkas Ko-Direktor Dörner meinte, er wolle mit der "krankhaften liberalen Hegemonie" aufräumen. Erste konkrete Schritte sind in Vorbereitung. Statt "Neues Theater" (Uj Szinhaz) soll Csurkas Bühne künftig "Hinterland-Theater" (Hatorszag Szinhaz) heißen. "Hinterland" kann als "Heimatfront" verstanden werden. Die Bezeichnung soll "das unter dem sozialliberalen Joch ächzende Ungarntum" symbolisieren, erklärte Dörner.

Neue Nahrung haben die Proteste erhalten, seit das Bewerbungsschreiben von Csurka und Dörner im Internet veröffentlicht wurde. Aus dem Papier spreche "purer Dilettantismus", kritisieren Theaterexperten. Schon aus fachlicher Sicht könne man eine solche Bewerbung gar nicht ernst nehmen.

Bürgermeister Tarlos wehrt sich gegen die Kritik. Er habe viele Bewerbungen geprüft und poche auf sein Recht, Theaterdirektoren im Alleingang zu bestellen. Kritiker vermuten, dass es nicht Tarlos war, der die Bestellung von Csurka und Dörner verfügt hat. Die Anordnung, so heißt es, sei "von ganz oben" gekommen.