Elisabeth Kulman engagiert sich für eine faire Behandlung ihrer Berufskollegen. - © Elisabeth Novy
Elisabeth Kulman engagiert sich für eine faire Behandlung ihrer Berufskollegen. - © Elisabeth Novy

Elisabeth Kulman hat ein Hühnchen mit Alexander Pereira zu rupfen. Die österreichische Mezzosopranistin fühlt sich vom Intendanten der Salzburger Festspiele übervorteilt und unterbezahlt. An sich wäre das eine Alltäglichkeit aus der Arbeitswelt - und zwar keineswegs nur aus der künstlerischen. Die Novität ist, dass Kulman ihren Ärger Pereira über das soziale Netzwerk Facebook mitteilt.

Dort existiert eine Art Künstler-Klagemauer, die sich so ungelenk wie vielsagend "Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse" nennt (www.facebook.com/Kuenstlergagen). Administriert wird sie von Johannes Maria Schatz, seines Zeichens katholischer Theologe, Rechtswissenschafter, Kultur- und Medienmanager, Germanist und Librettist. Die "Wiener Zeitung" brachte einen Kommentar zu der Seite, als noch weitestgehend unbekannte Künstler auf ihr Klage führten, aber seit die international renommierte Sängerin ihre Unzufriedenheit dort kundtut und sich massiv engagiert, hat "Kuenstlergagen" einen enormen Aufschwung genommen. Berichte gibt es mittlerweile in den Feuilletons der größeren deutschen Zeitungen, und etliche Beiträge werden auf der Seite ins Englische übersetzt, da das internationale Interesse an der ursprünglich deutschsprachigen Seite erwacht ist.

Die Zustimmung ist groß - speziell unter Künstlern, selbstverständlich, und unter ihnen Nahestehenden. Auch nicht ganz unlogisch. Die da unten, also die rechtlosen Engagierten oder unfairerweise Nichtengagierten sagen es denen da oben hinein, also den Machthabern, den Intendanten, Choreografen, Theaterdirektoren. Es ist eine Art Revolution, wie sie der ganz normale Arbeitnehmer gerne nach- und noch lieber mitvollziehen würde: Endlich einmal dem Chef sagen, dass man erstens mehr Geld will und zweitens bessere Arbeitsbedingungen und drittens mehr Anerkennung. Und nun gehen Sie auf Facebook und richten Sie das Ihrem Dienstgeber in aller Öffentlichkeit aus. - Ein Tipp, ausdrücklich zur Nichtbefolgung empfohlen und nur abgegeben, um die Kuriosität der "Kuenstlergagen"-Unternehmung darzustellen.

Bleiben wir bei Elisabeth Kulman, die sich bescheiden "Jeanne d’Arc der Künstler" nennt. Sie schreibt: "Die Salzburger Festspiele zahlen seit Alexander Pereira keine Probenpauschale mehr, sondern nur die Abendvorstellungen. Die öffentliche Generalprobe (mit teuer verkauften Karten) gilt übrigens nicht als ,Vorstellung‘, sondern als ,Probe‘ und wird somit nicht vergütet. Hotelkosten werden keine übernommen, es gibt eine kleine Reisekostenpauschale. Wenn ich also nach den sechs Wochen Proben krank bin und keine einzige Vorstellung singen kann, gibt es nicht nur keine Gage, sondern ein dickes Minus zu verbuchen. Aber wer will nicht bei den Salzburger Festspielen dabei sein ,dürfen‘? So akzeptiert man halt diesen Vertrag."

Unfaire Behandlung

Es ist eine Peinlichkeit, dass Alexander Pereira sich unlängst rechtfertigte, er habe es immer so gemacht und so sei es an vielen Stätten international üblich. Ließe man solche Argumente gelten, könnte sich ein deutscher Mörder vor Gericht rechtfertigen, seine Taten seien ja gar nicht so schlimm, weil es internationale Kollegen wie Gilles de Rais und Jack the Ripper doch seit geraumer Zeit so ähnlich gemacht hätten. Wobei Pereira selbstverständlich, das sei mit Nachdruck angemerkt, nicht der Mörder der Salzburger Festspiele ist.

Statt sich wienerisch auf die Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Position zu begeben, hätte er bloß mit dem Finger in der Wunde von Kulmans Argument zu bohren brauchen: Warum, um alles in der Welt, singt Frau Kulman bei den Salzburger Festspielen, wenn dort alles so ganz und gar grauenhaft ist? "Wer will nicht bei den Salzburger Festspielen dabeisein" - da gibt Kulman zu, dass die Salzburger Festspiele die Entbehrungen eben wert sind.

Womit Kulman zwar das Recht hat, sich zu ärgern, als Heilige der Künstlergagen aber eine schlechte Figur macht. Denn sie hat ohne Existenznot "ja" gesagt: "ja" zu unbezahlten Proben, "ja" zu unbezahlten Hotels, "ja" zum Risiko, im Krankheitsfall finanzielle Verluste zu machen. Damit ist sie auf andere Weise, als sie meint, die Galionsfigur all jener Künstler, die sich auf der Seite über unfaire Behandlung beklagen. In Wahrheit zeigt ihr Beispiel nur das Dilemma aller wahren Künstler: dass sie bereit sind, für ihre Kunst auf Annehmlichkeiten zu verzichten.

Denn die Behandlung der Künstler durch Intendanten, Regisseure, Choreografen und Produzenten spottet bisweilen tatsächlich aller Beschreibung - zumal dann, wenn es sich um weniger renommierte Künstler oder Nachwuchskünstler handelt. Da kann es geschehen, dass eine erstklassige Sopranistin nicht engagiert wird, weil seit anno Netrebko die Figur mehr zählt als die Stimme, oder dass eine hochbegabte Tänzerin nicht zum Zug kommt, weil sie afrikanischer Herkunft ist.

Andererseits haben sie wenigstens die Chance gehabt, sich vor der Ablehnung den Machern zu präsentieren. Doch es gibt Fälle, die den mindesten Respekt vor den Künstlern vermissen lassen: Man lädt zu Vorsing-Terminen, den berühmt-berüchtigten Auditions - und wer sich nicht blicken lässt, ist das Produktionsteam. Vorsingen mit einem unvorbereiteten Korrepetitor am Klavier (falls er überhaupt die richtigen Noten mitgebracht hat) und Vortanzen bei abwesendem Choreografen sind ebenfalls keine Einzelfälle.